"Gemeinschaft funktioniert nur mit Regeln"

"Gemeinschaft funktioniert nur mit Regeln"

Ein Interview mit dem Psychiater Jan Kalbitzer

Jochen Marmit   28.04.2020 | 16:24 Uhr

Der Psychiater Jan Kalbitzer arbeitet gerade an einem Buch über die sozialen Auswirkungen der Corona-Krise. Im SR-Interview erklärt er, warum sich viele Leute nicht an die Regeln zur Eindämmung der Pandemie halten und wie man damit umgehen sollte. Außerdem meint er: Ein härterer Lockdown wäre aus psychologischer Sicht sinnvoller gewesen, um schneller zur Normalität zurückzukehren.

Der Psychiater Jan Kalbitzer (Foto: Jan Kalbitzer)
Psychiater Jan Kalbitzer

Jan Kalbitzer leitet als Psychiater und Psychotherapeut die Stressmedizin der Oberbergkliniken und schreibt gerade an einem Buch über die sozialen Auswirkungen der Corona-Krise. Im SR-Interview meint er: Wer sich nicht an die Regeln hält, schadet anderen.  Er sagt: "Gemeinschaft funktioniert nur, wenn wir uns gemeinsam an Regeln halten, auch Regeln, die wir nicht verstehen". Auch das gehöre nunmal zu einer Demokratie.

Mehr Egoismus in der Gesellschaft

Dass viele Leute geltendes Recht brechen und die Regeln zur Corona-Prävention ignorieren, führt Kalbitzer auf den immer größer werdenden "Egozentrismus" in unserer Gesellschaft zurück. Schuld daran sei unter anderem unser Wohlstand, der dafür gesorgt habe, dass "wir es uns lange leisten konnten, ganz viel an uns selbst und unsere eigene Perspektive auf die Welt zu denken".

Konflikt wird sich verschärfen

Der Konflikt zwischen den Befürwortern und Gegnern der Corona-Maßnahmen werde sich noch weiter verschärfen, meint Kalbitzer, denn: "Wenn jetzt die Zahlen zunehmen, werden sich diejenigen, die bisher vorsichtiger waren, bestätigt fühlen und ärgerlicher sein auf diejenigen, die sich nicht daran gehalten haben. Und diejenigen, die jetzt schon dagegen sind, werden nach einer kurzfristigen Lockerung einen noch härteren Lockdown möglicherweise noch schwerer akzeptieren".

Jetziger Kurs schwer verständlich

Deshalb findet Kalbitzer aus psychologischer Sicht "sehr schwer verständlich, dass einige Politiker, die sich eigentlich gut damit auskennen müssten, wie die Bevölkerung so reagiert, jetzt diesen Kurs fahren oder fahren wollen." Er selbst würde "eher zu einem härteren, längeren Lockdown raten, der dann danach viel mehr Freiheiten ermöglicht" – nämlich dann, wenn die Infektionsketten wieder nachvollziehbar würden.

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Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" vom 28.04.2020 auf SR 2 KulturRadio.

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