"Das Home-Office ist an sich ja schon ein Problem"

"Das Home-Office ist an sich ja schon ein Problem"

Ein Gespräch mit Dr. Stefanie Grabhorn, Psychiaterin und Chefärztin der Blomenburg-Privatklinik für Psychosomatik in Selent, über die psychischen Belastungen durch die Corona-Krise

Holger Büchner. Onlinefassung: Rick Reitler   07.04.2020 | 11:05 Uhr

Die Psychiaterin Dr. Stefanie Grabhorn warnt davor, die eingeschränkten Arbeits- und Lebensumstände im "Home Office" zu unterschätzen. Nicht nur für depressive Menschen könne das Gefühl des Kontrollverlusts eine schwere Belastung bedeuten. Routine und Tagesstruktur seien deshalb gerade jetzt besonders wichtig.

"Zeit der Entschleunigung", "Willkommenes Innehalten"... Es gibt Menschen, die selbst der Corona-Krise oder einem unfreiwillig eingerichteten Home-Office-Arbeitsplatz noch positive Seiten abgewinnen können. Was aber, wenn die Fähigkeit zur Resilienz - also die Fähigkeit, schwierige Situationen gut auszuhalten - an ihre Grenzen stößt? Denn immerhin bedeuten allgemeiner Stillstand und Ausgangsbeschränkungen für viele Bürgerinnen und Bürger ja auch Einnahmeverlust, Stress und vielfältige andere Sorgen um die Zukunft.

Bedrohung Kontrollverlust

Dr. Stefanie Grabhorn, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in Selent, macht dabei vor allem das Gefühl des Kontrollverlusts Sorgen - denn das sei für die Menschen "immer etwas Bedrohliches". Gerade leicht depressive Menschen könnten dadurch "in eine schwere Depression rutschen", sagte Grabhorn im Gespräch mit SR-Moderator Holger Büchner.

Wichtig: Routine und Tagesstruktur

Auch die Arbeit im "Home-Office" sei für viele Menschen eine zusätzliche Belastung - nämlich vor allem für jene, die sich "schwer abgrenzen" könnten und "die Routine und die Tagesstruktur" aus eigener Kraft nicht so gut hinbekämen. Genau diese Strukturen aber seien nötig und wichtig, um sich überhaupt entspannen zu können. Von daher sei "das Home-Office an sich schon ein Problem", so Grabhorn.


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 07.04.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt einen Home-Office-Arbeitsplatz (Foto: Kathrin Paul).

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