Wie ein Sozialprojekt das Bildungsbürgertum eroberte

Wie ein Sozialprojekt das Bildungsbürgertum eroberte

Ein Interview mit dem Pädagogen Prof. Heiner Ullrich zum 100-jährigen Bestehen der Waldorfschule

Steffen Kolodziej. Onlinefassung: Rick Reitler   06.09.2019 | 07:00 Uhr

Als vor genau 100 Jahren die erste Waldorfschule ihre Pforten öffnete, sei es vor allem um einen "Reformimpuls für die sozial Schwachen" gegangen, erklärt der Pädagoge Prof. Heiner Ullrich im SR-Interview. Längst aber komme das Pädagogik-Konzept viel besser bei "bildungserfolgreichen Eltern" an.

Prof. Dr. Heiner Ullrich (Foto: privat)
Prof. Dr. Heiner Ullrich


Für die einen sind Waldorfschulen vorbildliche, stressarme Schulen mit einem Schwerpunkt auf Kreativität - andere halten das Konzept für weltfremd und schon lange nicht mehr zeitgemäß.

"Reformimpuls"

Als Rudolf Steiner die Idee vor genau 100 Jahren im Auftrag eines Stuttgarter Zigarettenfabrikanten entwickelte, sei es vor allem um einen "Reformimpuls für die sozial Schwachen" gegangen, erklärt der Pädagoge Prof. Heiner Ullrich von der Universität Mainz im Gespräch mit SR-Moderator Steffen Kolodziej. Längst aber komme die athroposophisch ausgerichtete Pädagogik viel besser bei "bildungserfolgreichen Eltern" als bei der ursprünglichen Zielgruppe an.

Persönlichkeitsbildung statt Esoterik

"Das Konzept, die Struktur der Waldorfschule und die ihr zu Grunde liegende Weltanschauung sind bis heute so geblieben", differenzierte Ullrich, "aber die Eltern haben sich verändert, und natürlich auch die Lehrer und die Schüler." So habe die aktuelle Elterngeneration beispielsweise kaum noch Interesse an den esoterischen Bestandteilen der Steinerschen Lehre. Es gehe ihnen stattdessen vor allem um eine umfassende Persönlichkeitsbildung ihrer Kinder.

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Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" vom 06.09.2019 auf SR 2 KulturRadio.

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