Kommentar zu "Saarbrooklyn – der Randbezirk der Gesellschaft": "Billige Effekthascherei"

"Billige Effekthascherei"

Kommentar zu "Saarbrooklyn – der Randbezirk der Gesellschaft"

Stephan Deppen   18.07.2019 | 08:10 Uhr

Spiegel TV hat mit "Saarbrooklyn – der Randbezirk der Gesellschaft" diese Woche einen Film ausgestrahlt, der die saarländische Landeshauptstadt in denkbar schlechtem Licht darstellt. Viel wird in diesen Tagen über den Film diskutiert. Ist es ein schonungsloser Blick auf die Wirklichkeit oder billige Effekthascherei? SR-Reporter Stephan Deppen kommentiert.

Klar, als jemand, der seit über 40 Jahren in Saarbrücken lebt, fühle ich mich automatisch betroffen und gehe in Verteidigungshaltung: Wie stellen die denn unsere Landeshauptstadt dar? Ist das realistisch? Die Antwort lautet: Ja und nein.

Fakten dürfen nicht verschwiegen werden

Ja, es gibt überdurchschnittlich viel Armut in Saarbrücken. Ja, es gibt das Drogenproblem. Ja, es gibt Kinder, die zu Hause keine Zuwendung, keine Förderung erhalten. Ja, es gibt Obdachlose. Diese beklemmenden Fakten dürfen nicht verschwiegen werden. Sie müssen uns anrühren und wir als Gesellschaft müssen Lösungen aufzeigen.

Das aber geschieht auch. Ob in ausreichendem Maß – darüber lässt sich natürlich streiten. Deutlich unter zwanzig Prozent Wahlbeteiligung in den "Problemvierteln" zeigt aber, dass die Hoffnung in die Heilungskräfte von Politik und Institutionen nicht allzu groß ist. Da sind alle gefragt. Und alle schließt die, die sich abgehängt fühlen oder es sind, ausdrücklich ein.

willkürlich und schlecht umgesetzt

Aber die Schattenseiten der Lebenswirklichkeit lassen sich in allen Großstädten zeigen. Sich Saarbrücken herauszupicken, ist willkürlich.  Und schlecht umgesetzt: Alte Bilder von der Folsterhöhe, die inzwischen mit großem Aufwand und gutem Ergebnis komplett saniert worden ist, sollen wohl einen Eindruck suggerieren, der mit aktuellem Bildmaterial nicht entstanden wäre.

Erkenntnisgewinn?

Die Behauptung, das Ende des Bergbaus hätte zu Arbeitslosigkeit und Armut geführt, ist Unfug, aber es klingt so schön logisch. Und einen selbsternannten NPD-Wähler zu fragen, ob er zu Hitlers Zeiten glücklicher gewesen wäre, bringt auch niemandem einen Erkenntnisgewinn.  Stichwort Erkenntnisgewinn: die Intention des Films bleibt dem Betrachter völlig unklar. Es entsteht der Eindruck, eine Stadt systematisch schlecht machen zu wollen.

Warum keine positive Erwähnung des Drogenhilfezentrums: seinerzeit das erste in Deutschland. Das gar Rheinland-Pfalz und Lothringen als Einzugsgebiet abdeckte, ohne dass sich die dortigen Gebietskörperschaften an den Kosten beteiligten. Warum wird nicht erwähnt, dass für jeden Obdachlosen auch ein Dach über dem Kopf zur Verfügung stünde? Warum keine stärkere Betonung der überragenden Arbeit im Kinderhaus Malstatt?  

nicht Schmollwinkel, sondern Offensive

Weil es womöglich das zuvor ausgegebene Ziel für den Film konterkariert hätte: Saarbrücken möglichst schlecht aussehen zu lassen. Schön die Aktion einiger Saarbrücker: nicht Schmollwinkel, sondern Offensive als Reaktion auf das filmische Machwerk: Sie wollen Anstecker mit der Aufschrift Saarbrooklyn  für einen guten Zweck verkaufen. Zugunsten der  Tafeln und eines Obdachlosenprojekt. Vielleicht auch nur Beruhigung des Gewissens. Aber so hat selbst dieser Film am Ende  sein Gutes.

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"Ich habe eine super Jugend gehabt."
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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 18.07.2019 auf SR 2 KulturRadio.

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