Jürgen Albers am Mikrofon (Foto: Martin Breher)

Die schönsten Pannen

50 Jahre "Fragen an den Autor"

Jürgen Albers   04.01.2019 | 10:26 Uhr

Unsere sonntägliche Sachbuchsendung "Fragen an den Autor" feiert ihren 50. Geburtstag! Im Buch zum letzten großen Jubiläum ("Radio-Klassiker: 40 Jahre Fragen an den Autor", herausgegeben von Jürgen Albers und Clemens Zimmermann) berichtet der langjährige Moderator Jürgen Albers über die schönsten Pannen in der Geschichte der Literatursendung. Wir haben den Text nochmal für Sie ausgegraben.

"Wir haben nichts gehört"

"Fragen an den Autor"-Panne: Jürgen Albers verpasst Zeitumstellung
Audio [SR 2, Jürgen Albers, 31.03.2002, Länge: 01:10 Min.]
"Fragen an den Autor"-Panne: Jürgen Albers verpasst Zeitumstellung

Wer Radio macht, kämpft in unseren beschleunigten Zeiten zunehmend mit dem Nichts: "Horror Vacui" - die panische Angst vor der Leere greift um sich. Eine Sekunde Pause ist für Popwellen fast unerträglich, fünf Sekunden würden auch Kulturleute als "Loch" empfinden. Was ist das alles gegen eine Panne, die dem Moderator Frank Benseler am 16. Februar 1969 passierte? Er sollte "Die Informationslawine" vorstellen, die Lawine begann aber recht langsam und mit wenig Information: Nach der Ansage durch den Nachrichtensprecher hörten die Hörer zunächst nichts, dann etwas Atmen, ein wenig Blättern… weiterhin gesammeltes Schweigen… Nach fast genau 60 Sekunden hört man, wie jemand aus der Senderegie sagt: "Wir haben nichts gehört". Genau das hatten auch die Hörer gehört, nichts - und nun konnte die Sendung beginnen.

Eine Minute ist natürlich leicht zu überbieten: Am 31. März 2002 wollte ich mit Heinrich Zankl über die "Launen des Zufalls" sprechen. Diese Launen wurden auch drastisch demonstriert. Ich saß bereits  früh am Sonntagmorgen im Büro, als der Pförtner mir mitteilte, mein Gesprächspartner sei aus Homburg eingetroffen. Weil ich selbst meistens überpünktlich bin, hatte ich Verständnis für die viel zu frühe Störung und machte mit dem Autor noch einen Spaziergang durch den Park um Schloss Halberg. Wir saßen noch um zehn Minuten nach 11 Uhr gemütlich auf einer Bank hinter dem Hörfunkgebäude, als ein Techniker zum Fenster hinaus rief: "Wo bleibt ihr denn, die Sendung hat doch schon begonnen!" Ich hatte die Umstellung auf Sommerzeit vergessen. Laufen Sie mal um das Hörfunkgebäude und dann zwei Treppen hoch ins Studio, dann wissen Sie, wie die Sendung begann: wie das Interview mit einem Langstreckenläufer kurz hinter der Ziellinie. Ich brauchte etliche Minuten, bis sich mein Atem beruhigt hatte. Die lieben Kollegen bewahrten meine Ansage mit viel Vergnügen im Archiv auf.

Bernd Schulz (Foto: R.F.Oettinger)
Bernd Schulz (Foto: R.F.Oettinger)

Nachträglich konnte ich mit Genugtuung feststellen, dass ein anderer meine zehn Minuten und 30 Sekunden Verspätung bereits überboten hatte: Am 17. September 1972 sprach Moderator Bernd Schulz (später Stadtgalerie Saarbrücken und Professor) mit Dr. Frederic Vester zu "Das Überlebensprogramm", genauer: Er sollte sprechen. Nach gut 14 Minuten erschien er außer Atem im Studio und murmelte etwas von Verkehrsproblemen. Der Autor, der in München im Studio saß, ging darauf sehr professionell ein: "Ihr Zuspätkommen ist ja eigentlich 1:0 für den umweltfreundlichen Verkehr. Ich habe den Eindruck, dass der materielle Verkehr […] nicht so gut funktioniert wie unsere immaterielle Kommunikation, hier drahtlos, per Funk. […] Deshalb bin ich auch nicht nach Saarbrücken gekommen."

Erst jetzt hat mir Bernd Schulz telefonisch gestanden, dass er eine Ausrede benutzt hatte: Er war damals als Redakteur im Stress und als Moderator nur eingesprungen, hatte den Termin schlicht vergessen und kam deshalb zu spät.

"Fragen nach dem Autor"

Mehr - und schlimmere - Pannen hatten wir durch Autoren:

"Fragen an den Autor"-Panne: Heiner Geißler findet Nohfelden-Walhausen nicht
Audio [SR 2, Jürgen Albers / Heinrich Kalbfuss, 08.02.1998, Länge: 06:13 Min.]
"Fragen an den Autor"-Panne: Heiner Geißler findet Nohfelden-Walhausen nicht

Heiner Geißler schaffte es zweimal, so spät zu kommen, dass ich schon mit der Einleitung begonnen hatte, als er den Raum betrat. Die Originalansage am 8. Februar 1998 in Nohfelden-Walhausen lautete:

"Fragen nach dem Autor" (Lachen im Saal), "heute: Heiner Geißler zu seinem Buch 'Das nicht gehaltene Versprechen'" (schallendes Gelächter im Saal).

Da er ohne Chauffeur fährt, wurde Heiner Geißler ein Opfer der Gebietsreform, weil er logisch (aber falsch) annahm, Nohfelden­Walhausen müsse Richtung Nohfelden liegen. Aber immerhin: Er kam dann noch und es wurde eine erfolgreiche Sendung. Ein anderes Mal hatte er den Halberg nicht gefunden, wurde bei Völklingen von einem Parteifreund erkannt und zum Sender gelotst.

Unvergesslich: der Autor, der gar nicht nach Nohfelden-Wahlhausen kam und mich dadurch zwang, einen vollen Saal spontan mit Kabarett zu unterhalten. Die Geschichte wiederholte sich beim SR 2 KulturPicknick am 3. September 2006: Ein Autor, dem wir nicht die Ehre der Erinnerung an seinen Namen erweisen möchten, versetzte uns ohne jede Entschuldigung; ich musste das Publikum in der Modernen Galerie in Saarbrücken mit eigenen Satiren unterhalten. Immerhin blieb der Saal voll - hoffentlich wegen meines Vortrags und nicht, weil alle sich an der Panne weiden wollten.

Studio abgeschlossen, keiner da

Ulrich Wickert erzählt, wie er nur knapp einer Panne entging:

Jürgen Albers (Foto: Pasquale D'Angiolillo)
Jürgen Albers

"An eine Sendung erinnere ich mich noch mit Herzklopfen. Ich sollte aus Hamburg vom NDR zugeschaltet werden. So kam ich auch brav zwanzig Minuten vor Sendebeginn. Aber das vorgesehene Tonstudio im NDR war abgeschlossen. Und sonntags ist das Funkhaus verwaist. Der Pförtner konnte mir auch nicht helfen. Nirgend wo fand ich einen Aufnahmeleiter. Schließlich entdeckte ich in einem anderen Tonstudio jemanden. Er legte für seine Sendung eine lange klassische Musik auf, holte den Schlüssel, öffnete das für mich vorgesehene Studio und stellte die Verbindung zum Saarländischen Rundfunk her. Kurz vor der Sendung war alles eingerichtet. Nach zehn Minuten ging der Toningenieur in sein Studio und überließ mich meinem Schicksal. Nach einer halben Stunde kam die für diese Sendung eingeteilte Kollegin. Sie war zum Frühstücken nach Hause gefahren, weil sie gedacht hatte, die Sendung finde erst am nächsten Tag statt. Ich habe fürchterlich geschwitzt, denn fast wäre die Sendung geplatzt. Was, so stellte ich mir vor, würde Jürgen Albers dann senden?"

Nun, inzwischen haben wir eine "Katastrophen-CD" mit Ausschnitten aus besonders gelungenen Sendungen. Im schlimmsten Fall können diese Ausschnitte gesendet werden - allerdings nur, wenn ein Moderator im Studio ist, der sie ansagt.

"Karamba, Karacho, ein Whisky"

Wie er durch eine Hochzeit beinahe die Sendung verschlief, berichtet auch Heribert Prantl:

"Ich hätte jedes Lied mitsingen können; ich wollte aber nicht, es war spät, ziemlich spät, und ich war müde, sehr müde. Saarbrücken ist nun einmal, wie man so sagt, nicht der nächste Weg von München aus. Ich hatte den letzten Zug genommen und mich auf ein ruhiges Bett gefreut. Der Saarländische Rundfunk hatte für mich ein Hotel gebucht, das sich offenbar auch bei Hochzeitsgesellschaften großer Beliebtheit erfreut: Es war schon Mitternacht und die Feier in vollem Gang.

Die Hochzeitsgäste waren gut bei Stimme. Sie besangen, offensichtlich auch mit beachtlicher Textkenntnis, "die Beine von Dolores", die "schwäbsche Eisenbahne mit ihren Haltstatione", um schließlich "Karamba, Karacho, ein Whisky" zu verlangen. Ich protestierte telefonisch bei der Rezeption: Wann denn, bitte, Ruhe zu erwarten sei. Alsbald, wurde mir versichert. Es war nun halb zwei. Um zwei Uhr hatten die Sänger ins Englische gewechselt. "Only you" und "Your are the apple in my eye". Um halb drei war "Griechischer Wein" an der Reihe. Von da an weiß ich nur noch, dass die Lieder laut waren. Ich zog mich an, fuhr mit dem Lift nach unten, gratulierte dem aufgekratzten Brautpaar, tanzte mit der Braut etwas Foxtrottartiges und ging dann an die Bar. Um fünf fiel die Hochzeitsgesellschaft allmählich auseinander und ich ins Bett, angezogen. Um halb zehn oder halb elf, gefühlte Zeit: Mitternacht, klingelte die Rezeption: Redakteur Dr. Albers erwarte mich."

Der geschmolzene Moderator

Heinrich Kalbfuß (Foto: privat)
Heinrich Kalbfuß

Zum Glück sind im Hörfunk optische Katastrophen nicht wahrzunehmen. Sonst hätten die Leute schallend lachend am Radio gesessen, als wir am 23. September 2007 aus dem Strandbad in Losheim sendeten. Das Wetter war gut, zu gut! Die Sonne brannte gnadenlos auf die Bühne, und weil ich Sonne nicht vertrage, besorgte ich mir zunächst ein Sonnenschutzmittel und einen Hut, mit dem ich aussah wie eine Kreuzung aus Komiker und volkstümlicher Hitparade. Weil auch das noch nichts half, stellten die besorgten Veranstalter einen Sonnenschirm auf die Bühne, so dass Autor und Moderator fast nicht mehr zu sehen waren. Da wir es erfahrungsgemäß nur mit Pannen auf Seite Eins der Zeitung bringen, befürchtete ich schon Schlagzeilen wie "Sonnenstich! Der Moderator schmolz dahin." Zum Glück war kein Reporter anwesend.

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