"Sich stellen, mit der Stille versöhnen und abschließen"

"Sich stellen, mit der Stille versöhnen und abschließen"

Ein Interview mit der Gesprächstherapeutin Sybille Jatzko zum 30. Jahrestag des Unglücks von Ramstein

Stephan Deppen / Onlinefassung: Martin Breher   28.08.2018 | 12:15 Uhr

Seit der Flugkatastrophe von Ramstein vor 30 Jahren kümmert sich die Gesprächstherapeutin Sybille Jatzko um Opfer und Hinterbliebene. Im SR 2-Interview erklärt sie, dass Menschen auch Jahrzehnte danach noch nicht mit dem Unglück abgeschlossen haben, und dass es auch von amerikanischer Seite immer noch Aufarbeitungsbedarf gebe.

"Wir sind der Ansprechpartner für alle die, die mit Ramstein zu tun hatten, geworden", sagt Sybille Jatzko, die sich seit der Flugschaukatastrophe vor 30 Jahren zusammen mit ihrem Mann professionell um Opfer und Hinterbliebene kümmert. Über die Jahre seien das 200 bis 300 Menschen gewesen, so die Therapeutin im SR 2-Interview mit Stephan Deppen. Darunter seien sowohl Helfer als auch Opfer gewesen, außerdem manchmal deren Angehörige und Hinterbliebene.

Zeitlicher Abstand gibt Kraft

Der lange zeitliche Abstand zur Katastrophe, bei der 70 Menschen ums Leben kamen und rund 1000 Menschen verletzt wurden, gebe immer mehr Menschen "den Mut und die Kraft, sich noch einmal zu stellen, um sich mit dieser Stille zu versöhnen, und dann abschließen zu können". Auch in diesem Jahr seien bei der Gedenkveranstaltung Menschen dabei, die zum ersten Mal an die Unglücksstelle zurückkehrten und eine "begleitete Aufarbeitung" versuchten, erklärt Jatzko.

Zwar gebe es viele Menschen, die es geschafft hätten, im Lauf der Zeit mit oder ohne professionelle Hilfe mit dem Kapitel Ramstein abzuschließen, aber es gebe auch Personen mit "heftigsten Traumata", die über die ganze Zeit phasenweise immer wieder die Unterstützung von ihr suchten, sagt Sybille Jatzko.

USA sollte Verantwortung übernehmen

Für die Aufarbeitung sei es hilfreich, dass die rheinland-pfälzische Landesregierung neue Konzepte für die psychosoziale Nachsorge entwickelt habe und nun mehr zu ihrer Verantwortung stehe. Jatzko kritisiert aber die US-Armee: "Verantwortung haben die Amerikaner ja nie übernommen, obwohl sie ganz eindeutig Verantwortung tragen."

Ein Thema in der Sendung "Bilanz am Mittag" vom 28.08.2018 auf SR 2 KulturRadio.


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