"Wir hoffen auf technologische Quantensprünge"

"Wir hoffen auf technologische Quantensprünge"

Ein Gespräch mit Rüdiger Kühr, Direktor des Programms für nachhaltige Kreisläufe an der Universität der Vereinten Nationen, Bonn

Jochen Erdmenger / Fotos: Camino Filmverleih / Onlinefassung: Rick Reitler   02.08.2018 | 07:45 Uhr

Allein in Ghana werden jährlich rund 250.000 Tonnen Elektroschrott unter extrem gesundheitsschädlichen Bedingungen zu Geld gemacht. Ideen und Lösungsansätze für bessere Methoden zum Extrakt der wertvollen Materialbestandteile gebe es bereits, erklärte der Recycling-Experte Rüdiger Kühr im SR 2-Interview - die Widerstände aber seien schwer zu überwinden.

Ein Vorort der ghanaischen Hauptstadt Accra gilt als einer der giftigsten Orte der Welt: Hier landen jedes Jahr rund 250.000 Tonnen Elektroschrott, die unter extrem gesundheitsgefährdenden Bedingungen zu Geld gemacht werden. Meistens wird ein Schrottberg angezündet, um dessen wertvolle Materialbestandteile wie Kupfer oder seltene Erden aus der Asche zu bergen. In Europa wäre das Abfackeln des Schrotts verboten - die fachgerechte Aufbereitung aber erscheint noch zu wenig rentabel.

Viele Ideen, schwierige Umsetzung

Rüdiger Kühr, der Direktor des Programms für nachhaltige Kreisläufe an der Universität der Vereinten Nationen in Bonn, hofft auf strengere Export-Gesetze, auf ein Umdenken bei Elektroindustrie und Verbrauchern schon bei der Herstellung und Nutzung von Elektrogeräten, auf technisch verbesserte Recycling-Methoden - und auch auf mehr Gefahren-Aufklärung für die Menschen in Ghana. Illusionen macht er sich aber nicht: "Das Problem wird nicht einfach einzudämmen sein", sagte Kühr im SR 2-Interview.

Investitionen in Milliardenhöhe

Wie so oft gehe es auch bei den Beziehungen zwischen europäischem Elektroschrott-Export und afrikanischer Recyclingwirtschaft um viel Geld. "Wir müssen dafür oder dahin wirken, dass Infrastrukturen in diesen Ländern auch geschaffen werden, dass diese Geräte einem approbaten Recycling zugeführt werden können", forderte Kühr. "Bis dato sind das aber sehr große industrielle Prozesse, die teilweise Investitionen in Milliardenhöhe erfordern. Hier hoffen wir auf technologische Quantensprünge, auch, dass wir 'ne Dezentralisierung - weg von diesen industriellen Prozessen einerseits - stattfinden, andererseits müssen wir uns aber auch andere Systeme überlegen."

Hoffnung auf "Dematerialisierung"

Seine Institution, die United Nations University, arbeite beispielsweise an der "Dematerialisierung": "Das bedeutet, dass wir nicht mehr das Gerät als solches einkaufen, sondern nur den Service, den das Gerät liefert", erläuterte Kühr. Der Elektro-Hersteller bliebe auf diese Weise "der Eigentümer des Gerätes". Und als solcher habe er dann "ein ganz anderes Desing vorzunehmen, muss auch ein Interesse haben, eine Rückführung ganz einfach zu etablieren, damit er letztendlich seinem Konsumenten den besten Service leisten kann."


Der SR 2-Doku-Tipp:

Audio-Rezension
"Welcome to Sodom"

"Welcome to Sodom"
Dein Smartphone ist schon hier

Regie: Florian Weigensamer, Christian Krönes
Österreich  2018
Länge: ca. 92 Minuten
Deutschlandstart: 2. August 2018

Der Film ist in wenigen deutschen Kinos im Originalton mit deutschem Voiceover zu sehen.


Eindrücke vom Film:

Über dieses Thema wurde in der Sendung "Der Morgen" vom 02.08.2018 auf SR 2 KulturRadio berichtet.

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