"Medienmündigkeit ist zu einer Kernaufgabe für liberale Demokratien geworden"

"Medienmündigkeit ist zu einer Kernaufgabe für liberale Demokratien geworden"

Ein Interview mit dem Medienwissenschaftler Prof. Bernhard Pörksen

Katrin Aue / Onlinefassung: Martin Breher   10.03.2018 | 15:20 Uhr

In seinem neuen Buch "Die große Gereiztheit" versucht der Medienwissenschaftler Prof. Bernhard Pörksen Lösungen für den "Epochenwandel" in den Medien zu skizzieren. In einer Zeit, in der jeder zum Sender von Informationen werden könne, müsse man "Techniken der Mäßigung und Formen des miteinander Redens im öffentlichen Raum neu trainieren“, so Pörksen.

"Wir haben eine Wahrheitskrise im digitalen Zeitalter", attestiert der Medienwissenschaftler Prof. Berhard Pörksen. Diese sei einerseits bedingt durch eine Schwächung der klassischen Medien, die weniger Zeit hätten und weniger intensive Recherchen betreiben könnten als früher, andererseits aber auch dadurch, dass die "leichtere Zugänglichkeit von Öffentlichkeit" eine leichtere Manipulierbarkeit mit sich bringe. Auch die "Troll-Armeen" von "autokratisch gestimmten Staaten" und Social-Bots trügen "zu einer systematischen Deregulierung des Wahrheitsmarktes bei", so Pörksen.

Jeder ist jetzt Sender

Der Medienwissenschaftler Prof. Bernhard Pörksen (Foto: dpa)
Der Medienwissenschaftler Prof. Bernhard Pörksen

Die Tatsache, dass heute "jeder zum Sender geworden" sei und uns damit Ereignisse, die rund um die Welt passierten, sofort und unmittelbar erreichten, sei "eine neue Qualität", meint Pörksen im MedienWelt-Interview mit Katrin Aue. Diese Unmittelbarkeit und die "Möglichkeit der Sofort-Konfrontation" mit anderen Ansichten und Perspektiven - "die verstört", so die Grundthese von Pörksens Buches "Die große Gereiztheit".

Ein Beispiel für die "große Gereiztheit" in den Medien seien die zurückliegenden Monate der Regierungsbildung in Deutschland gewesen. Durch abfotografierte Unterlagen aus den Verhandlungen und "Ad-Hoc-Äußerungen von Beteiligten", die in soziale Netzwerke gestellt und dann von Medien weiterverbreitet worden seien, habe sich gezeigt, dass die "publizistische Verantwortungszone sich radikal ausweitet". Durch Liken und Teilen werde die Emotionalität zu einem "entscheidenden Treibstoff der öffentlichen Sphäre".

Was hilft gegen die Gereiztheit?

Um diese Gereiztheit zu behandeln, müsse man als Gesellschaft "Techniken der Mäßigung und Formen des miteinander Redens im öffentlichen Raum neu trainieren", meint Pörksen. Man müsse einen Wechsel durchmachen "von der digitalen Gesellschaft der Gegenwart, in der wir heute lebten, zur redaktionellen Gesellschaft der Zukunft". Darunter versteht Pörksen eine Gesellschaft, in der die "Ideale des guten Journalismus" zu einem Element der Allgemeinbildung geworden sind. Dazu gehörten Orientierung an Wahrheit und Fakten, eine gesunde Portion Skepsis, das Bemühen, sich aus der eigenen Filterblase zu befreien, eine transparente Fehlerkultur und generell ein ordentlicher Quellencheck.

"Weil jeder zum Sender geworden ist, muss auch jeder lernen, als ein eigener Redakteur zu handeln", meint der Medienwissenschaftler und fordert dafür unter anderem ein eigenes Schulfach. Außerdem müsse Medienmündigkeit eine "Kernaufgabe für liberale Demokratien" sein.

Buchtipp:

Bernhard Pörksen: "Die große Gereiztheit" (Foto: Hanser-Verlag)

Bernhard Pörksen:
Die große Gereiztheit.
Wege aus der kollektiven Erregung

256 Seiten; 22,00 Euro
Hanser-Literaturverlage

ISBN: 978-3-446-25844-0

Über dieses Thema wurde in der Sendung "MedienWelt" vom 10.03.2018 auf SR 2 KulturRadio berichtet.

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