Glenn Gould - Studiosessions zum 90. Geburtstag

Glenn Gould - Studiosessions zum 90. Geburtstag

Die CD der Woche

Karsten Neuschwender  

In diesen Tagen hat Glenn Gould 90. Geburtstag und 40. Todestag. Zu diesem Anlass wuden die kompletten Bänder der Aufnahmesessions der Goldberg-Variationen aus dem Jahr 1981 von Sony veröffentlicht. Für Karsten Neuschwender eine kleine Sensation.

Sendung: Dienstag 04.10.2022 11:20 Uhr


Die neue Album:

Glenn Gould - Studio Sessions zum 90. Geburtstag

Label: Sony Classical
LC: 06868
EAN: 0194399774229
Veröffentlichungsdatum: 30.09.2022


New York, Frühjahr 1981. In den Tonstudios der 30. Straße haben sich ein paar Musiklegenden zusammengefunden, die neue Platten aufnehmen. In einem Raum sitzt das Juillard Quartett, in einem anderen arbeitet Miles Davis. Und in einem Raum sitzt auf einem viel zu kleinen Stuhl ein kauziger, faszinierender und genialer Mann an einem Yamaha-Flügel und hat oft Grund zur Freude. Dann ruft er "Shit – das war so gut!"

Nachdem Glenn Gould 1955 das erste Mal Johann Sebastian Bachs Goldberg Variationen aufgenommen hat, widmet er sich diesem Zyklus Anfang der 80er Jahre ein zweites Mal. Knapp ein Jahr vor seinem Tod – den Riesenerfolg dieser Einspielung konnte er nicht mehr erleben. Jetzt hat Sony Classical die Aufnahmen und Mitschnitte der Studio Sessions – auf 11 CDs zusammen mit einem gewichtigen Bildband mit ergänzenden Texten. Und wenn man sich einliest und hört, hat man schnell das Gefühl, ganz nah dabei zu sein. Man glaubt, Gould zu sehen, wie da steht, durchaus zu Scherzen bereit, mit seinem kleinen Klavierstuhl, der rund 20 Zentimeter kürzer ist, als normale. Auf dem hat er schon als Kind geübt, und berühren durfte den keiner. Und man ist dabei, wie Gould mit den Produzenten diskutiert.

Glenn Gould war Perfektionist. Ungemein virtuos und bei hoher Geschwindigkeit klar. Kaum einer konnte in langsamen Sätzen derart gut die Spannung halten wie er. Und die Goldberg Variationen gestaltete er in einer sensiblen architektonischen Klarheit für die er auch die neue Aufnahmetechnik nutzte. Er hörte immer wieder 30 Sekunden in den gerade gespielten Satz – spielte dann mit, dann wurde der Ton der Aufnahme ausgeschaltet und im genau auf diesen Satz abgestimmten Tempo spielte er den nächsten Satz ein. Das Ergebnis: Eine Musik, klar, leuchtend, rhythmisch und tänzerisch und fernab von jeder sentimantalen Romantik. Bis heute haben die Goldberg-Variationen von Glenn Gould nichts von ihrer zeitlosen Attraktivität verloren. Obwohl – könnte man nun schmunzelnd sagen – sie nicht auf einem Steinway eingespielt wurden. Sondern "nur“ auf einem Yamaha-Flügel, der, wie Glenn Gould bemängelte, manchmal Schluckauf hat.

Die Veröffentlichung der bislang unveröffentlichten Aufnahmesessions der Goldbergvariationen von Glenn Gould aus dem Jahr 1981 sind eine kleine Sensation (und ergänzen im übrigen die bereits veröffentlichten Dokumente aus dem Jahr 1955). Es ist spannend zu erleben, wie ein Musiker wie Glenn Gould tickte, wie er arbeitete und wie sich durch das, was außerhalb der dann am Ende veröffentlichten Musik besprochen wurde ein neuer, intensiver Zugang zur Musik ergibt.


Ein Thema u. a. in den Sendungen "Canapé - das entspannte Kulturmagazin" am 02.10.2022 und "Der Vormittag" am 04.10.2022 auf SR 2 KulturRadio.

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