Über Musik, Resilienz und Corona

Musik, Resilienz & Corona

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Melanie Wald-Fuhrmann vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik

Gabi Szarvas. Onlinefassung: Rick Reitler  

Die "Umgangsweisen" mit Musikhören oder Musikmachen haben sich während der Lockdown-Phasen der vergangenen anderthalb Jahre bei vielen menschen teilweise "massiv geändert". Das hat eine internationale Studie des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik ergeben. Ein Interview.

Kann Musik eine wirksame Strategie für die sozioemotionale Bewältigung eines Lockdowns sein? Dieser Frage ist ein internationales Forschungsprojekt unter Beteiligung des Frankfurter Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik nachgegangen. Institutsleiterin Prof. Melanie Wald-Fuhrmann hat dafür die Antworten von 5000 Probanden ausgewertet - von Indien über die USA bis nach Deutschland.

Geänderte Umgangsweisen

Die "Umgangsweisen" mit Musikhören und Musikmachen hätten sich bei mehr als der Hälfte der Befragten "teilweise massiv geändert", erläuterte Wald-Fuhrmann im Gespräch mit SR-Moderatorin Gabi Szarvas. In Situationen des Alleinseins habe die Musik wieder einen höheren Stellenwert bekommen, und auch die Formate - Konzertstreams oder virtuelles, gemeinsames Musizieren - hätten sich angepasst bzw. verstärkt.

Musik als Trost und Verstärker

Unterschiede in den Umgangsweisen seien weniger an der "objektiven Situation als solcher" festgestellt worden, sondern eher an der Frage, wie sehr die Situation die Menschen persönlich emotional belastet habe. Wer im Lockdown mehr negative Emotionen gehabt habe als zuvor, habe sich in der Regel mehr mit Musik beschäftigt als normalerweise - "als Ersatz quasi für Menschen, die einem sonst in solchen schlimmen Situationen helfen können durch Zuspruch und Trost". Menschen, denen es im Lockdown "ein bisschen besser" gegangen sei, hätten dagegen durch Musik eher ihre positiven Gefühle verstärkt.

Hilfreich: "spezifische Musiken"

Generell habe das Musikhören eher als Ersatz für fehlende Sozialkontakte gedient, das Musikmachen eher als Verstärker für positive, intensive oder kreative Gefühle und Zustände, so Wald-Fuhrmann. Nach den Ergebnissen ihrer Studie helfe "das Umgehen mit Musik" ganz allgemein über Tiefpunkte hinweg. Der Effekt sei besonders stark ausgeprägt, wenn es sich um "spezifische Musiken" handele, die "so eine Krise direkt" adressierten.

Weitere Informationen:

https://www.aesthetics.mpg.de


Originalstudie (PDF):
https://pure.mpg.de/rest/items/item_3277851_5/component/file_3332455/content


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Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 24.08.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt Prof. Dr. Melanie Wald-Fuhrmann (Pressefoto: Antje M. Pohsegger).

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