Blick über die Marina von Palma de Mallorca (Foto: Pixabay/KocBar)

Warum wir Party-Hits mögen - und zugleich peinlich finden

Ein Gespräch mit der Musikwissenschaftlerin Marina Schwarz über "Das verdächtig Populäre in der Musik"

Chris Ignatzi. Onlinefassung: Rick Reitler   09.08.2021 | 16:40 Uhr

"Malle ist nur einmal im Jahr": Viele Menschen haben im Urlaub an Mallorcas Stränden oder beim Après-Ski Freude an simplen, oft etwas obszönen Party-Hits, die sie zu Hause niemals hören würden. Warum eigentlich? SR-Moderator Chris Ignatzi hat bei der Musikwissenschaftlerin Marina Schwarz nachgefragt.

Im Genre Fastnachts- oder Malle-Schlager gibt es ziemlich schräge Songs: Die Texte oft gaga bis obszön, die Musik eindimensional, die Produktion billig. Und trotzdem sind das Songs, die die Massen bewegen, gute Laune verbreiten und viele Menschen zum mitsingen bewegen. Obwohl man sich, wieder daheim, vielleicht dann doch dafür schämt. Woher kommt das?

Urlaubskontext wichtig

Warum wir Party-Hits mögen - und zugleich peinlich finden
Audio [SR 2, Chris Ignatzi / Marina Schwarz, 09.08.2021, Länge: 05:40 Min.]
Warum wir Party-Hits mögen - und zugleich peinlich finden

Nach Einschätzung der Musikwissenschaftlerin Marina Schwarz liegt das vor allem am Kontext, in dem solche Lieder gefeiert werden, der von der Kulturkritik oder Menschen im Bekanntenkreis aber kaum berücksichtigt werde - zum Beispiel der Urlaubskontext: "Es heißt ja immer so schön, 'Malle ist einmal im Jahr', und da wird dann auch so'n bisschen der Geschmack zu Hause gelassen", stellte Schwarz im Gespräch mit SR-Moderator Chris Ignatzi fest.

Das sei der Grund, warum vielen Menschen so etwas wie "Malle-Hits" auf der Insel, beim Après-Ski in der Berghütte oder bei einer Fastnachtsveranstaltung gefielen, zu Hause aber eher peinlich seien - und dort auch kaum gehört würden.

Schlager trösten

Der deutsche Schlager hingegen erfülle auch so etwas wie eine Trost-Funktion, denn am Ende eines Schlagers werde "die Welt immer gut". Durch die Verbindung von Schlager mit Pop - wie etwa bei Helene Fischer oder Andrea Berg - gelinge es der Musikindustrie, ein noch breiteres Publikum anzusprechen. Für viele junge Leute sei der Schlager mittlerweile auch wieder "ganz cool", so Schwarz.

Sehnsucht und Identität

Bei eher kitschiger Folkmusik, die auf exotische Regionen verweise, gehe es auch um die Suche nach einer angenehmen Identität und um Weltflucht - Deutschland selbst aber komme als Sehnsuchtsland wegen der Ereignisse des Zweiten Weltkrieges dafür eben eher weniger in Frage, so Schwarz' Vermutung.


Das Buch zum Thema:

Marina Schwarz (Hg.): Das verdächtig Populäre in der Musik (Foto: SR)

Marina Schwarz (Hrsg.)
Das verdächtig Populäre in der Musik.
Warum wir mögen, wofür wir uns schämen

Springer: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2021
310 Seiten, 44,99 Euro
ISBN: 978-3-658-32690-6


Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 09.08.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Foto ganz oben zeigt die Marina von Palma de Mallorca (Foto: Pixabay/KocBar).

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