Die Philosophin Corine Pelluchon über den Umgang mit Nahrung

Corine Pelluchon: "Wir können so nicht weiterleben"

Ein Gespräch mit der französischen Philosophin Corine Pelluchon über ihr Buch "Wovon wir leben" und das Verhältnis des Menschen zur Nahrung

Chris Ignatzi; Onlinefassung: Laszlo Mura   20.11.2020 | 17:15 Uhr

Die französische Philosophin Corine Pelluchon schreibt in ihrem Buch "Wovon wir leben" über das Verhältnis des Menschen zu Nahrung und Umwelt. SR-Moderator Chris Ignatzi hat mit ihr im Rahmen der ARD-Themenwoche "#WIE LEBEN - Bleibt alles anders" darüber gesprochen, warum unsere Gesellschaft das gesunde Maß im Umgang mit Nahrung verloren hat.

SR 2: Wir leben im Überfluss und haben unbegrenzt Nahrungsmittel zur Verfügung. Deshalb werden die einen immer dicker und die anderen immer asketischer oder sogar krank. Warum haben wir das gesunde Maß im Umgang mit Nahrung verloren?

#wie leben - Bleibt alles anders
Rückblick auf die ARD-Themenwoche 2020
Die ARD-Themenwoche 2020 hat sich vom 15. bis 21. November der Frage gewidmet, wie unser Leben in Zukunft aussehen könnte. Auch SR 2 KulturRadio hat unterschiedliche Facetten des weiten Themenfeldes beleuchtet.

Corine Pelluchon: Das Maß ist ein Gipfel, eine Kunst, der Ausdruck einer antiken Tugend - der Mäßigung. Das ist nicht angeboren. Aber es ist klar, dass in der Wohlstandsgesellschaft, in der wir leben, in der die Agroindustrie auch Fertiggerichte anbietet, die Neigung dazu da ist, Nahrungsmittel als Brennstoff zu betrachten. Wir tanken, als füllten wir eine Lücke - anstatt sich Zeit zu nehmen für das Essen und die Mahlzeiten zu genießen. [...] Die Dimension des Genusses wird vernachlässigt [...].

Aber heutzutage wollen auch viele Menschen ihr Leben zurückgewinnen, indem sie ihre Ernährung ändern, sich gesund ernähren ohne Tierleid usw. Ich denke, unsere Essgewohnheiten spiegeln unsere Überzeugungen wieder: Indem ich esse, gebe ich Zeugnis von den Werten, die ich schütze. Ich sage, wer ich bin und in welcher Gesellschaft ich leben möchte.


SR 2: Wie groß sind denn die Unterschiede im Umgang mit unserer Ernährung in den einzelnen Ländern und Kulturräumen. Sind Franzosen z. B. immernoch genussfreudiger als Deutsche, die immer weniger Geld für Essen ausgeben möchten?

Pelluchon: Dieses Klischee, Franzosen als Genießer und Deutsche als Nüchterne darzustellen, ähnelt ein bisschen einer Karrikatur. Natürlich gibt es Traditionen und in Frankreich nimmt man sich immernoch Zeit beim Essen. Aber wir alle haben dieselben Herausforderungen zu meistern, was die Industriegesellschaft, die Gesundheit und das Tierwohl angeht. Der Wunsch, sich seine Existenz wieder anzueignen, indem man besser isst und auf die Herkunft von Lebensmitteln achtet, existiert in Deutschland wie in Frankreich. Zudem habe ich bemerkt, dass es in Berlin oder Hamburg einfacher ist, vegan zu essen, als in Paris. Also jedes Land hat seine Vor- und Nachteile.


Informationen zum Buch

Corine Pelluchon: "Wovon wir leben"
ISBN: 978-3534272419
wbg Academic: 416 Seiten
Gebundene Ausgabe: 50 Euro

SR 2: Wie sehr hängt die Art, wie wir unseren Körper nähren, denn von gängigen Schönheitsidealen ab?

Pelluchon: Die Schönheitsideale alleine erklären weder Magersucht, noch die Tatsache, dass manche Menschen heute ein kompliziertes Verhältnis zum Essen haben. Essen hat auch eine emotionale Dimension, die mit unserer Kindheit verbunden ist. Das erste, was ein Säugling bei der Geburt tut, ist Schreien - aber auch nach Nahrung bitten. [...] Unsere Beziehung zum Essen hängt davon ab, ob wir Fürsorge und Liebe erhalten haben oder nicht.


SR 2: Es steckt also auch sehr viel Psyche mit drin. Aber noch der Blick auf die Umwelt: "Wie sehr beeinflusst unsere Haltung Lebensmitteln gegenüber denn auch unsere Haltung der Umwelt gegenüber?

Im Interview: Uta Ruge
"Erstaunlich, dass es immernoch um billig billig geht"
Zu Beginn des ersten Corona-Lockdowns haben leere Regale und Tiefkühltruhen in den deutschen Supermärkten für ungewohnte Bilder gesorgt. Die Angst machte sich breit, das Essen könnte knapp werden. Im Rahmen der ARD-Themenwoche blicken wir auf das Thema Nahrung, Bauern und Landwirtschaft. Dazu hat SR-Moderator Jochen Marmit mit der Schriftstellerin Uta Ruge gesprochen, die in ihrem Buch "Bauern, Land - Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang" vom Landleben schreibt.

Pelluchon: Das ist das grundlegende Problem, das ich in meinem Buch behandle. Wenn ich esse, habe ich immer einen Einfluss auf andere - auf menschliche und nicht menschliche Wesen, aber auch auf diejenigen, die das Essen produzieren. Durch meine Konsumentscheidungen lenke ich die Wirtschaft und Produktionsmethoden. Wir wissen, dass der Fleisch- und Fischkonsum heutzutage zu hoch ist und dass er riesige soziale und ökologische Kosten verursacht - ganz zu schweigen von den Gesundheitsproblemen. [...] Wir können so nicht weiterleben.

Ökologie ist für mich die Weisheit, die Erde zu bewohnen und ich glaube, dass jeder etwas tun kann. Man kann seinen Verbrauch an tierischen Produkten reduzieren und durch seine Einkäufe und seinen Lebensstil etwas zur Förderung eines gerechteren Entwicklungsmodells beitragen.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 20.11.2020 auf SR 2 KulturRadio.

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