Volker Giersch: "Land im Wandel"

"Land im Wandel"

Über das Buch "Land im Wandel" von Volker Giersch

Wolfgang Wirtz-Nentwig   05.10.2021 | 16:00 Uhr

Der frühere Hauptgeschäftsführer der IHK Saar, Volker Giersch, beschäftigt sich auch im Ruhestand mit der Entwicklung der Saar-Wirtschaft. Nun ist sein Buch "Land im Wandel" erschienen. Darin hat er seine jahrzehntelangen Beobachtungen zusammengefasst – und auch in die Zukunft geblickt.

Das Saarland als ältestes neues Bundesland – es war schon immer etwas anders als der Rest der Republik. Die Folgen seiner wechselhaften Geschichte prägen die Wirtschaftsstruktur und die Menschen bis heute. Schon gleich nach dem Beitritt ging es zunächst bergab. Dann folgte ab Ende der 60er Jahre eine glückliche Phase der Neuansiedlungen. Davon zehren wir bis heute, sagt Volker Giersch.

"Der Bruch im vergangenen Jahrzehnt"

Video [aktueller bericht, 05.10.2021, Länge: 2:58 Min.]
Volker Giersch: "Land im Wandel"

"Fakt ist zunächst, dass wir im ersten Jahrzehnt der Kohlekrise deutlich zurückgefallen sind. Dann hatten wir aber drei, vier Jahrzehnte, in denen das Land kräftig aufgeholt hat. Es war wirklich ein ausgesprochen erfolgreicher Strukturwandel, der uns fast an das Bundesniveau herangeführt hat, bevor dann der Bruch im vergangenen Jahrzehnt kam".

Aber auch in den besseren Zeiten gab es starke Konjunkturschwankungen. Und wegen der Besonderheiten der Saarwirtschaft kamen Krisen oft früher und härter als in anderen Regionen. Der permanente Wandel war die einzige Konstante.

Absturz während der Finanzkrise

Was Volker Giersch bei den Recherchen für sein Buch selbst überrascht hat: Wie tief der Absturz während und nach der Finanzkrise 2008 war. Erst beim Vergleich über längere Zeitreihen wurde auch ihm noch einmal deutlich, "wie stark unser Land im vergangenen Jahrzehnt hinter den Durchschnitt der anderen Länder zurückgefallen ist - um 15 Prozent beim Pro-Kopf-Einkommen innerhalb eines Jahrzehnts. Das hatten wir noch nie. Und dazu kam es, weil eben viele negative Faktoren für unser Land zusammenkamen."

Dumping-Konkurrenz beim Stahl, Kraftwerksschließungen, der Brexit: Immer war die Saarwirtschaft mittendrin. Und die Umstellung auf grünen Stahl und Elektroautos kommen erst noch. Neue Unternehmen und die IT-Branche können nach Gierschs Einschätzung auch künftig nicht abfangen, was in der Industrie auf dem Spiel steht.

Keine anhaltende Entwicklung

"Wir haben ja in der Tat in den achtziger Jahren einige neue Betriebe gehabt in der Informationstechnik wie die IDS Scheer, die sich relativ gut entwickelt haben. Aber das war keine sehr anhalte Entwicklung. Diese Betriebe sind heute meistens nicht mehr forschungsgetrieben", sagt Giersch. Inzwischen sei der Anteil der IT-Wirtschaft an der Gesamtzahl der Arbeitsplätze im Saarland eher unter dem Durchschnitt als darüber. "Die Industrie ist der harte Kern, um den herum man dann neue Betriebe in anderen Branchen ansiedeln mag."

Saarland braucht einen Big Bang

Und so kommt Volker Giersch am Ende zu der Forderung, dass eine künftige Landesregierung einen Big Bang braucht, ein "Zukunftsprogramm Saar". Er sieht das Land vor einer "riesigen Herausforderung" für die regionale Wirtschaft. Deshalb brauche es eine schonungslose Analyse und "eine große gemeinsame Kraftanstrengung", um den erwarteten Strukturwandel zu bewältigen.

Dazu gehören nach seiner Ansicht auch verstärkte Investitionen von Land und Kommunen und ein schnellere digitalisierte Verwaltung – verbunden mit der Frage, ob es in einem so kleinen Land auch künftig tatsächlich noch drei Entscheidungsebenen geben müsse.

Unbequeme Themen, die sicher nicht alle gerne lesen werden. Aber einfach weitermachen wie bisher? Dazu wird der Leidensdruck im Verlauf der 20er Jahre zu groß werden. Nicht nur, aber ganz besonders an der Saar.


Volker Giersch
Land im Wandel. 65 Jahre Wirtschaftspolitik und Strukturwandel an der Saar

Geistkirch Verlag 2021
272 Seiten. 27,80 Euro
ISBN: 978-3946036325


Ein Thema u. a. in der Sendung "Der Nachmittag" am 05.10.2021 aus SR 2 KulturRadio.

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