Ein Ende des "Höher, schneller, exklusiver"?

Ein Ende des "Höher, schneller, exklusiver"?

Ein Kollegengespräch mit Musikredakteur Johannes Kloth über Veränderungen im Kulturbetrieb

Johannes Kloth   19.11.2020 | 13:14 Uhr

Die Corona-Pandemie hat unser Leben grundlegend verändert. Sie ist eine Katastrophe für Gesundheit, Wirtschaft und Gesellschaft. Aber Krisen können auch Chancen sein, um Dinge in Zukunft besser zu machen. Johannes Kloth aus der SR-Musikredaktion beobachtet da ein paar ganz interessante Entwicklungen im Kulturbetrieb, über die er im Rahmen der ARD-Themenwoche mit SR-Moderator Roland Kunz gesprochen hat.

Wenn man Kulturschaffende, Veranstalter, Künstlerinnen und Künstlern fragt, wie das Jahr 2020 für sie verlief, wird man vermutlich einhellig hören: Es war eine Katastrophe. Von einer Chance wird man wohl erstmal nichts hören?!

Johannes Kloth: Ja, natürlich. Die Kultur ist ein Bereich, der so stark wie nur wenige von der Coronakrise getroffen wurde: Theater, Opern, Museen, Konzertsäle, Kinos sind seit Monaten nur eingeschränkt in Betrieb, momentan sind sie mal wieder ganz geschlossen. Das ist für Kulturschaffende wirtschaftlich der Super-Gau. Da hängen Existenzen dran, das kann man auch gar nicht relativieren. Und trotzdem hat sich die Veranstaltungs- und Kulturbranche nicht unterkriegen lassen. Man hat experimentiert, versucht, aus der Not heraus, neue Formen, neue Formate zu entwickeln und es ist interessant, dass bestimmte Veränderungen was Produktionsbedingungen z.B. betrifft, die schon vorher begonnen haben, quasi beschleunigt wurden.

Viele Kultur-Veranstalter sind ja in den vergangenen Monaten notgedrungen auf das Streaming im Internet ausgewichen. Kann das denn wirklich eine Alternative sein, zum Konzert, zum Theaterstück vor "echtem" Publikum vor Ort?

Johannes Kloth (Foto: Pasquale D'Angiolillo)
Johannes Kloth

Kloth: Nein, natürlich ist die Begegnung zwischen Künstlern und Publikum nicht durch den digitalen Weg ersetzbar. Und das "Streaming-Konzert" wird sicher nicht das "richtige" Konzert ersetzen. Aber wenn man mal genau hinschaut, sieht man, wie durch den Zwang zum Digitalen spannende neue Dinge entstanden sind. Nur ein Beispiel - ein Projekt am Theater Dortmund: "Das HOUSE – Reinventing the Real" heißt es, da wurde ein Theater so abgescannt, dass man im Netz fast wie in einem Videospiel dreidimensional als Avatar durchlaufen konnte. Man konnte zur Bühne gehen, dort standen wieder live abgescannte Schauspieler, die gespielt haben. Man konnte sich aber auch mit anderen Avataren treffen, die durch diese virtuelle Welt gelaufen sind.

Da hat sich eine neue Ebene der Kommunikation eröffnet, und auch so etwas wie ein kollektives Erlebnis. Das ist natürlich ein besonders spektakuläres Projekt. Es gab aber auch andere Versuche, eine neue Form der Partizipation zu schaffen: Streaming-Konzerte, bei der die Nutzer live Rückmeldungen über digitale Kanäle geben konnten, Einfluss aufs Geschehen nehmen konnten. Und: es gibt so eine Art der Renaissance der Debatte, des Diskurses. Viele Festivals z.B. haben panels gemacht, an der gesellschaftliche, auch gesellschaftspolitische Fragen behandelt wurden, das Verhältnis von Kunst und Politik.

Kommen wir mal von den Produktionsformen zu den Produktionsbedingungen. Da gibt es ja schon seit Jahren ein Thema, das diskutiert wird: Nachhaltigkeit. Was bedeutet Nachhaltigkeit im Zusammenhang von Kulturproduktion und hat die Coronakrise da auch etwas verändert?

Ein Portrait
Der Cellist und Klima-Aktivist Benjamin Jupé
Benjamin Jupé ist ein Musiker, der ganz nebenbei auch als Klima-Aktivist tätig ist. Seinen besonderen Lebensstil setzt er u. a. in seinem kleinen Gartenparadies in Saarbrücken um. Dort hat ihn auch SR-Reporterin Judith Rubatscher im Rahmen der ARD-Themenwoche "Wie wollen wir leben?" besucht, um mit dem Solocellisten des Saarländischen Staatsorchesters über seine breit gefächerten Klimaschutz-Projekte zu sprechen.

Kloth: Ja, absolut. Die Nachhaltigkeitsdiskussion habe ich vor der Krise v.a. im Zusammenhang mit Festivals erlebt und da bezogen auf den Umwelt- und Ressourcengedanken: Also die Fragen, welche  Materialien werden genutzt, welches Essen wird angeboten, wie lässt sich Müll vermeiden, Strom reduzieren usw. Diese Nachhaltigkeitsdebatte hat sich - beschleunigt durch Corona - sehr stark auch auf künstlerisch-konzeptionelle Fragen ausgeweitet.

Ich erinnere mich noch gut, früher - und z.t. noch immer war für ein Festivalmacher - gerade im Musikbereich - immer die wichtigste Frage: Wieviele Künstler habe ich? Hat er ein neues Album? Wie prominent sind sie? Hab ich sie exklusiv? Also übertrieben gesagt wurde dann geworben mit: "100 Künstler aus mehr als 50 Ländern präsentieren 20 Welturaufführungen" oder so. Das hat sich aufgeschaukelt - ein "Größer, höher, schneller" im Kulturbetrieb. Nadin Deventer, die künstlerische Leiterin des Jazzfests Berlin hat das kürzlich mal auf den Punkt gebracht und kritisiert:

"Natürlich kann man diese Krise zum Anlass nehmen, bestimmte Mechanismen gerade in unserem Musikbereich zu hinterfragen. Beispielsweise diese aberwitzige Touring-Zirkus, dieser unfassbare Produktionsdruck, dem die Musiker ausgeliefert zu sein scheinen, weil das die Mechanismen sind, jedes Jahr ein neues Album zu produzieren, um wieder auf Tour zu gehen. Dieser hohe Stressfaktor für Künstler*innen, für Agenturen, für Veranstalter*innen, für Produzenten usw. Das kann man diese Corona-Krise auch mal zum Anlass nehmen, still zu stehen und auf unseren Bereich zu gucken und die Mechanismen und Selbstverständlichkeiten."

#wie leben - Bleibt alles anders
Rückblick auf die ARD-Themenwoche 2020
Die ARD-Themenwoche 2020 hat sich vom 15. bis 21. November der Frage gewidmet, wie unser Leben in Zukunft aussehen könnte. Auch SR 2 KulturRadio hat unterschiedliche Facetten des weiten Themenfeldes beleuchtet.

Kloth: Ein Appell der künstlerischen Leiterin des Jazzfests Berlin neulich im SWR. Und es gibt da schon diese Gegenbewegungen: Man merkt deutlich, dass regionale Szenen wieder eine größere Rolle spielen, es gibt immer häufiger auch Künstler-"Residenzen", indem man Künstler*innen einlädt, sie über eine längere Zeit in der Stadt hält, um sie zusammen mit regionalen Musikern etwas in Ruhe entwickeln zu lassen, in Austausch kommen zu lassen. Das hat eben auch mit Nachhaltigkeit zu tun.

Da ist das Jazzfest Berlin ein ganz gutes Beispiel: Da haben wir Musikerinnen und Musiker, die tauchen im Rahmen des mehrtägigen Festivals mehrmals im Programm auf, in verschiedenen Konstellationen - und es kommt immer etwas neues heraus. Denn das ist die Herausforderung: Kultur lebt vom Austausch und die Möglichkeit, Künstler*innen aus den USA, aus Afrika, Asien usw. hier zu erleben, ist wichtig und befruchtend, also es geht nicht um ein Einigeln, um eine Re-regionalisierung, sondern um nachhaltiges Vernetzen, "echten" Austausch. Und da bewegt sich nach meinem Eindruck momentan einiges.  

Ein Thema in der Sendung "Der Vormittag" am 19.11.2020 auf SR 2 KulturRadio.

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