Premierenkritik: "Eure Väter, wo sind sie?"

"Eure Väter, wo sind sie?"

Eine Premierenkritik zum Kammerspiel "Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?" in der Sparte IV Saarbrücken

Michael Schneider   30.03.2019 | 13:45 Uhr

Ein frustrierter, junger Mann fühlt sich von der Gesellschaft im Stich gelassen und sucht nach Antworten, warum das so ist. Dazu kommt er auf die Idee, Idole und Wegbegleiter aus seiner Vergangenheit zu entführen und sie angekettet in einem Kellerverlies zu befragen. Soweit die grobe Handlung von "Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?“, dem neuesten Roman von Bestsellerautor Dave Eggers. Nun bringt das Saarländische Staatstheater den Stoff auf die Bühne, seit gestern in der Sparte4.

Die Romanvorlage von Dave Eggers ist an sich schon bühnentauglich: Rein in Dialogform verfasst, kreist die Handlung ausschließlich um die sieben Figuren. Die Inszenierung von Thorsten Köhler treibt das auf die Spitze und besetzt die Rollen mit genau zwei Darstellern. Philipp Seidler verkörpert Thomas, den Entführer, als einen Prototypen des wütenden weißen Mannes. Ein launenhafter, verzweifelter Charakter – unfähig, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Deshalb sucht er sie bei anderen. 

Eindrücklich, psychopathisch, spartanisch

Eindrücklich spielt Seidler die Verwandlungen des jungen Mannes – vom kalt berechnenden Entführer mit psychopathischen Zügen bis hin zum empathischen Nervenbündel, das beim Zuschauer durchaus Mitleid erregt. Über Thomas lässt sich nur etwas im Frage-Antwort-Spiel erfahren, das sich nach und nach mit den Opfern entwickelt. Jeder Gegenspieler legt weitere Schichten der Hauptfigur frei. Gregor Trakis verkörpert diese Gegenspieler – also wechselnd einen alten Studienfreund, einen Politiker, eine junge Frau, einen Polizisten, den Klassenlehrer und die Mutter von Thomas.

Nackter Beton, eine Pritsche, ein paar Baustrahler – nicht mehr. So spartanisch ist der Schauplatz dieses Stückes – ein Kellerraum irgendwo auf einer verlassenen Marinebasis. Es braucht nicht mehr.  Die rasanten Sprünge funktionieren ohne Szenenwechsel. So überzeugend, so meisterhaft spielt Trakis diese Rollen, dass am Ende allein die Haltung ausreicht - und ein winziges Verändern der Position, um eine neue Figur auf die Bühne zu bringen.

Vereinfachung als treibende Kraft

Thomas spricht für Millionen, die angesichts hochkomplexer Realitäten einfach ihre eigene Wirklichkeit erschaffen und weitgehend resistent sind gegen andere Sichtweisen. Das ist plakativ, sicher. Und das will diese Inszenierung auch gar nicht verstecken, im Gegenteil: Sie feiert die Vereinfachung und nutzt sie als treibende Kraft.

Gerade das macht „Eure Väter, wo sind sie?“ unbedingt sehenswert. Ein starker Stoff, gelungen für die Bühne umgesetzt.


Auf einen Blick


Kammerspiel: "Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?"
Nach dem gleichnamigen Roman von Dave Eggers

Dauer: ca. 105 Minuten

Besetzung
Inszenierung: Thorsten Köhler
Bühnenbild und Kostüme: Justus Saretz
Dramaturgie: Corinna Popp
Musik: Samir Taibi
Schauspieler: Philipp Seidler & Gregor Trakis

Nächste Termine
Freitag, 05. April 2019, 20.00 Uhr
Samstag, 13. April 2019, 20.00 Uhr
Donnerstag, 18. Apr 2019, 20.00 Uhr
Sonntag, 21. April 2019, 20.00 Uhr
Freitag, 03. Mai 2019, 20.00 Uhr
Sonntag, 19. Mai 2019, 20.00 Uhr
Donnerstag, 23. Mai 2019, 20.00 Uhr

Weitere Informationen unter:
www.staatstheater.saarland

Ein Thema im "Langen Samstag" vom 30.03.2019 auf SR 2 KulturRadio.

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