Der deutsche Pavillon auf der Kunstbiennale in Venedig (Foto: picture alliance/dpa | Felix Hörhager)

Eröffnung einer surrealen Kunstbiennale in Vendig

Mit Informationen von Jörg Seisselberg   23.04.2022 | 13:40 Uhr

Die internationale Kunstausstellung "Biennale di Venezia" ist die älteste der Welt. Seit 1895 findet sie alle zwei Jahre statt, wegen Corona ein Jahr später als geplant. Leitmotiv ist 2022 der Titel eines Kinderbuches der Surrealistin Leonora Carrington, "The Milk of Dreams". Die Ausstellung soll also die Kunst als magische Welt zeigen, die sich ständig neu erfindet.

Aus der Asche des 1. Weltkriegs entstanden

Als die Kuratorin Cecilia Alemani vor zwei Jahren begonnen hat, die Biennale zu planen, hatte sie sich mitten in der Pandemie für den Surrealismus als prägende Kunstrichtung der Ausstellung entschiedener. Durch den Krieg in der Ukraine, sagt sie, sei das künstlerische Thema der Biennale mehr denn je aktuell.

Denn "der Surrealismus ist aus der Asche des Ersten Weltkriegs entstanden, in einer Zeit, in der totalitäre Regimes an die Macht kamen mit der Entstehung des Faschismus. Es war eine sehr politische Kunstrichtung antimilitaristisch, antitotalitär."


Zur Eröffnung der Kunstbiennale in Vendig
Audio [SR 2, Jörg Seisselberg, 23.04.2022, Länge: 04:46 Min.]
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Wichtigstes Thema ist der Ukraine-Krieg

Auch die Kunstbiennale 2022 ist eine politische. Der zentrale Pavillon ist geprägt von surrealistischen Werken, die mit Verfremdung und Entstellung von menschlichen Körpern und Gegenständen arbeiten und sich mit dem Verhältnis von Mensch und Technik, von Mensch und Natur auseinandersetzen. Wichtigstes politisches Thema der Biennale des Surrealismus aber ist der reale Krieg in der Ukraine.

Lange war unklar, ob es der ukrainische Beitrag überhaupt nach Venedig schafft. Bei Kriegsausbruch lagen die 78 Trichter der Wasserinstallation des Künstlers Pawlo Markow noch in der Ukraine, erzählt die Kuratorin des ukrainischen Pavillons, Maria Lankow. "Wir haben begonnen, unser Lager zu räumen, als der Krieg nahte. Die Trichter der Installation konnten wir in drei Kisten unterbringen, und da war klar, dass sie in ein Auto passten, und dass es möglich ist, sie herauszubringen, um hier unser Land zu repräsentieren mit dem, was wir haben."

Kunstwerke aus der Ukraine gerettet

Maria Lankow persönlich setzte sich mutig ans Steuer und brachte mit ihrem Auto das Kunstwerk über die Grenze nach Polen und von dort mit Unterstützung der Biennale-Organisatoren nach Venedig. Pawlo Manko sagt, seine Arbeit erzähle auch von der Erschöpfung demokratischer Gesellschaften, die nicht darauf vorbereitet seien, sich zu beschützen. Bis zum Kriegsbeginn sei sein Kunstwerk eine Warnung gewesen, jetzt sei es ein Statement.

Der große russische Pavillon bleibt dieses Jahr geschlossen. Offiziellen, die Kontakte zur russischen Regierung haben, ist die Teilnahme an der Biennale untersagt.

80 Prozent Frauen

Die Biennale erlebt im Schatten des Ukraine-Krieges eine Zeitenwende. Zum ersten Mal sind unter den teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern 80 Prozent Frauen. Es gebe so viele starke Künstlerinnen, sagt Biennale-Direktorin Alemani. Daher sei die Wende überfällig nach vielen Jahren männlicher Dominanz.

Auch der deutsche Pavillon ist von einer Frau gestaltet. Die Konzeptkünstlerin Maria Eichhorn hat im wahrsten Sinne des Wortes die Geschichte des faschistisch geprägten deutschen Baus auf dem Gelände offen gelegt.

Faschistische Geschichte offen gelegt

Putz von den Wänden wurde abgeschlagen Teile der Fundamente freigelegt, um zu zeigen, wie die Nationalsozialisten und 1938 ihren Erweiterungsbau dem ursprünglichen deutschen Pavillon von 1909 übergestülpt haben. Maria Eichhorn selbst will ihre Arbeit nicht kommentieren.

Kurator Yilmaz Dziewior sagt, angesichts der derzeitigen Situation in der Welt sei es mehr denn je angezeigt, "dass man sich mit totalitären Strukturen auseinandersetzt, dass man dafür sensibilisiert. Und wenn man es dann schafft wie Maria Eichhorn das sind ein solches kraftvolles Bild, gleichzeitig auch poetisches Bild zu übersetzen wie hier im deutschen Pavillon, wo sie die Nahtstellen freilegt, dann sehe ich da schon eine große Notwendigkeit, sich mit der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen."

Parallel dazu Führungen in Venedig

Der abgeschlagene Putz und das teilweise ausgehobene Fundament im deutschen Pavillon sind nur ein Teil des Biennale Beitrags Maria Eichhorns. Dazu gehören auch die parallel angebotenen Führungen durch Venedig zu Stätten des antifaschistischen Widerstands in der Zeit der deutschen Besatzung.

Mit einem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk wird in Venedig dieses Jahr die deutsche Bildhauerin Katharina Fritsch ausgezeichnet. Ihre lebensgroße Skulptur eines grünen Elefanten steht am Eingang des zentralen Pavillons und ist eines der wichtigsten Werke der surrealen Biennale 2022.


Ein Thema in der Sendung "Der lange Samstag" auf SR 2 KulturRadio. Das Foto ganz oben zeigt den deutschen Pavillon auf der Biennale. (Foto: picture alliance/dpa | Felix Hörhager)

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