Ein Impfpass liegt auf einer negativen Covid-Test-Bescheinigung (Foto: Sebastian Knöbber/SR)

"Wir müssen weg von diesem Steinzeit-Instrument des totalen Lockdowns"

Ein Gespräch mit Prof. Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrats, zur Lage der Kulturbranche 20 Monate nach Beginn der Corona-Krise

Holger Büchner. Onlinefassung: Rick Reitler   15.11.2021 | 07:45 Uhr

Prof. Christian Höppner, der Generalsekretär des Deutschen Musikrats, hat sich für 3G-Regeln bei Kulturveranstaltungen ausgesprochen. Im SR-Interview forderte er u. a. eine Gleichbehandlung mit dem Sport, schnelle Überbrückungshilfen, weniger Bürokratie und eine differenziertere Corona-Politik als vor einem Jahr.

Wegen der steigenden Inzidenzzahlen diskutieren Politiker landauf, landab über eine Verschärfung ihrer coronapolitischen Maßnahmen. Bedeutet das wieder den Lockdown für Konzertsäle, Theater, oder Kinos - und damit erneut besonders schwere Zeiten für die Kulturschaffenden?

Für schnelle und unbürkratische Überbrückungshilfen

Im Interview: Christian Höppner
Audio [SR 2, Holger Büchner, 15.11.2021, Länge: 05:07 Min.]
Im Interview: Christian Höppner

"Existenzängste" und "so ein Déjà-Vu-Erlebnis" machten sich in der Branche breit, bestätigte Prof. Christian Höppner, der Generalsekretär des Deutschen Musikrats, im Gespräch mit SR-Moderator Holger Büchner. "Immerhin 455.000 Solo-Selbstständige in den Kulturberufen" könnten in Deutschland betroffen sein. Für sie müssten die "Überbrückungshilfen" schnell bis Juni 2022 verlängert und die Antragsverfahren entbürokratisiert werden, forderte Höppner.

Manche Solo-Selbstständigen sähen sich angesichts der Unterstützung der vergangenen 20 Monate inzwischen "mit Rückforderungen konfrontiert" - "gerade weil die Antragsverfahren zu kompliziert" seien.

"Die 3G-Lösung ist die Lösung"

Er stelle sich auch strikt gegen ein 2G-plus-Modell, nach dem Geimpfte noch zusätzliche Testnachweise vor dem Besuch einer Veranstaltung vorlegen müssten, wie es Bundesgesundheitsminister Jans Spahn ins Gespräch gebracht hatte: "Die 3G-Lösung, die, finde ich, ist die Lösung - gerne auch mit PCR-Test für die, die sich testen lassen müssen", schlug Höppner vor. 2G sei für viele Veranstalter jedenfalls nicht rentabel. Schon jetzt seien die Kartenverkäufe für Veranstaltungen rückläufig, gab Höppner zu bedenken.

Kultur und Sport gleich behandeln

Der Deutsche Musikrat fordere für Kulturveranstaltungen eine Gleichbehandlung mit dem Sport, den die Ampel-Koalition offenbar vor strengen Beschränkungen bewahren wolle. Beide Sparten säßen aber "in einem Boot" und seien "elementar wichtig" und "gemeinschaftsbildend".

"Differenzierter vorgehen"

Corona-Politik im Saarland
"Es läuft alles wohl auf 2G 'raus"
Nach Einschätzung von Florian Mayer aus der SR-Landespolitikredaktion könnte es im Saarland demnächst wieder zu einer Verschärfung der Corona-Verordnungen in Richtung 2G kommen.

"Deshalb ist es wichtig, dass wir jetzt nicht mit den alten Krisen-Mechanismen arbeiten, sondern dass wir jetzt wirklich differenzierter vorgehen", sagte Höppner. Schließlich wisse man "einfach mehr als vor einem Jahr, wie wir mit dieser Situation fertig werden können".

"Wir müssen weg von diesem Steinzeit-Instrument des totalen Lockdowns", so Höppners Überzeugung, denn das "Bedürfnis nach Live-Kulturerleben" sei "nach wie vor ungebrochen", wie man an dem teilweisen Anstieg der Abozahlen sehen könne. Er plädiere allerdings dafür, den Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern das Recht zuzugestehen, den Impfstatus ihrer Beschäftigten abfragen zu können.


Mehr zum Thema im Archiv:

9. November 2021: Ampel-Pläne zur Corona-Politik
"Die Länder sollen selbst entscheiden"
SPD, Grüne und FDP wollen die deutsche Corona-Politik offenbar wieder neu ordnen: Die Hoheit über den Umgang der Regierenden mit den Menschen solle mehr auf die Bundesländer bzw. in die Parlamente verlagert werden, erklärte Hauptstadt-Korrespondentin Claudia Plaß im SR-Interview.

Corona-Kommunikation
Was funktioniert besser - Zuckerbrot oder Peitsche?
Politiker versuchen immer wieder, Menschen zu Verhaltensänderungen zu bewegen - auch und gerade in Sachen Corona. Doch nicht jede Strategie besitzt auch Überzeugungskraft, wie der Züricherer Gesundheitskommunikationsexperte Prof. Thomas Friemel im SR-Interview erklärt.

Kritik an Druck auf Impfskeptiker
"Im Moment läuft so ziemlich alles falsch"
Der Lungenfacharzt Dr. Kai-Michael Beeh hat im SR-Interview vor weiteren Drohkulissen gegen Impfskeptiker und vor einem weiteren Lockdown gewarnt. Das seien die "falschen Signale". Zudem solle über eine Drittimpfung nicht generell, sondern je nach Patient individuell entschieden werden.

Folgen der Corona-Politik
Schuldner und Schuldnerberatung an ihren Grenzen angelangt
Die Corona-Politik und die steigenden Preise haben zu einer deutlich gestiegenen Nachfrage nach Schuldnerberatungen geführt. Maria Loheide von der Diakonie Deutschland fordert im SR-Interview von der Regierung u. a. eine Öffnung der Schuldnerberatungen für alle und eine bessere Finanz- und Personalausstattung.

htw-Studie
Corona-Folgen bereiten Saarländern Sorge
Die Corona-Krise hat sich laut einer neuen htw-Studie auf die Saarländerinnen und Saarländer äußerst unterschiedlich ausgewirkt. Während sich Jüngere stärker eingeschränkt fühlen, machen sich Ältere eher Sorgen um die Langzeitfolgen. Viele verzeichnen einen Arbeitsanstieg.

Psychische und physische Folgen
Kinder vermissen Bewegung in der Corona-Pandemie
Eingeschränktes Fußballtraining, kein Schulsport und ausgefallene Turniere: Viele Kinder und Jugendliche bewegen sich in der Corona-Pandemie deutlich weniger als zuvor. Laut dem saarländischen Kinderschutzbund ist auch problematisch, dass dadurch soziale Kontakte fehlen.

Telefonseelsorge Saar
Ängste und Einsamkeit haben 2020 zugenommen
Mehr Angst, mehr Einsamkeit, mehr Beratungsbedarf: Die katholisch-evangelische Telefonseelsorge Saar hat im Pandemie-Jahr 2020 deutlich mehr Anrufe und Beratungssuchende als im Vorjahr gezählt. Besonders Ängste haben bei den Menschen deutlich zugenommen.

Die Psyche in der Corona-Krise
"Die Wahrnehmung mangelnder Kontrolle ist sehr ungesund für uns"
Nach dem Hickhack in der Corona-Politik wissen viele Menschen nicht mehr, woran sie sich nun halten können. Und das birgt durchaus Gefahren für die Psyche, meint meint Prof. Jürgen Margraf, Experte für Klinische Psychologie und Psychotherapie. Ein Interview.


Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 15.11.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt einen Impfpass und eine negative Covid-Test-Bescheinigung (Foto: Sebastian Knöbber).

Artikel mit anderen teilen

Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja