Im Interview: Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt

"Wir haben einen Standpunkt"

Ein Interview mit der Direktorin des Jüdischen Museums in Frankfurt, Mirjam Wenzel

Barbara Renno   19.03.2021 | 16:28 Uhr

Das Jüdische Museum in Frankfurt hat bereits seit einer Woche wieder geöffnet. Das Haus am Frankfurter Museumsufer war erst Ende Oktober nach fünfjähriger Bauzeit wieder eröffnet worden - elf Tage vor dem Lockdown.

Den Kontakt zum Publikum konnten die Frankfurter Museumsverantwortlichen auch im Lockdown gut halten - denn Mirjam Wenzel und ihr Team setzen in ihrer Arbeit auf ein breites digitales Vermittlungsangebot - mit virtuellen Führungen, aufwendigen Objektbeschreibungen, Zoom-Lesungen und mit vielen Kontakten über Social Media Kanäle.

Jetzt dürfen wieder Besucher empfangen werden. Derzeit dürfen aber nur 80 Gäste gleichzeitig das Museum betreten und das mit Voranmeldung. Deswegen will Mirjam Wenzel an einem "ganzen Teil" des digitalen Angebots festhalten: "Wir haben sehr großen Zuspruch [...], [und] mit diesen digitalen Angeboten haben wir einen weitaus größeren Reach."

"Symposium Zwischenzeiten"

Das geplante Symposium am 21. und 22. März zum Thema "Zwischenzeiten" zur Jüdischen Diaspora in Europa wird ausschließlich digital stattfinden. "Damit ermöglichen wir natürlich auch, international [...] teilzuhaben."

Das Symposium soll die paradoxalen Entwicklungen reflektieren, die die europäisch-jüdische Diaspora kennzeichnen: Auf der einen Seite sei das jüdische Leben zunehmend bedroht und die Mitgliedszahlen in den Jüdischen Gemeinden gingen europaweit zurück, auf der anderen Seite artikulierten mehr und mehr junge Jüdinnen und Juden ihr Jüdischsein selbstbewusst in der Öffentlichkeit und sorgten so dafür, dass die Pluralität jüdischer Stimmen in Europa immer sichtbarer werde.

Ein Campus für die zivile Stadtgesellschaft

"Wir überlassen es unseren Besuchern sehr stark, worauf sie sich einlassen wollen und wie tief", erklärt Wenzel. Die Frage, was "jüdisch" ist, soll offen gelassen werden. Das Museum soll ein Ort sein, an dem Hilfsmittel bereitsgestellt werden, um sich eine Vorstellung zu kreieren. Dabei werden verschiedenste Perspektiven aufgezeigt, sie umfassen verschiedene Bereiche: "Jüdisch sein hat mit einer Praxis zu tun, religiös zu sein [...], jüdisch sein hat mit Kultur zu tun, einer Verbundenheit zu einer kulturellen Tradition, die sich auch äußern kann in Musik in Literatur."

Bei einem solchen Angebot besteht natürlich die Möglichkeit, dass die große Offenheit, die Interessierten entgegengebracht wird, in einer großen Beliebigkeit ausartet. Davon sieht Mirjam Wenzel ihr Haus aber nicht betroffen: "Wir haben einen Standpunkt. Dieser Standpunkt hat damit zu tun, dass wir der jüdischen Perspektive und Erfahrung verpflichtet sind."

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 19.03.2021 auf SR 2 KulturRadio.

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