Andrea Jahn: "Wir sind alle davon abhängig, dass Kultur passiert"

"Wir sind alle davon abhängig, dass Kultur passiert"

Ein Gespräch mit Andrea Jahn vom Vorstand der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, über den zweiten Lockdown der Bundesregierung

Chris Ignatzi. Onlinefassung: Rick Reitler   29.10.2020 | 16:25 Uhr

Andrea Jahn vom Vorstand der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz hat die Politik dazu aufgefordert, die Kulturszene angesichts des zweiten Lockdwowns zu unterstützen. Außerdem hoffe sie auf eine diffenzierte Betrachtung der Lage Mitte November. Auch die Psyche des Publikums sei zu bedenken, mahnte Jahn im SR-Interview.

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Die Kultur- und Veranstaltungsbranche kann dem erneuten Lockdown ab 2. November nicht viel abgewinnen. "Im Grunde werden wir jetzt natürlich in unserer Fahrt, in unserer Dynamik komplett ausgebremst", sagte Andrea Jahn vom Vorstand der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz im Gespräch mit SR-Moderator Chris Ignatzi. Im November hätte eigentlich eine große Brücke-Ausstellung eröffnet werden sollen - nun stehe die Option im Raum, die "wunderbaren Werke" erneut nur über den Weg digitaler Medien anzubieten.

Sie hoffe auf eine Lockdown-Ausnahme für Museen durch das Kabinett der Landesregierung am 30. Oktober - oder wenigstens auf eine diffenzierte Betrachtung der Situation durch die Politik Mitte November.

Kulturschaffende "an ihren Grenzen"

Die Solo-Selbstständigen und der Menschen in der freien Künstlerszene kämen "im Moment an ihre Grenzen", warnte Jahn. Um ihr Überleben zu garantieren, sei es "ganz, ganz wichtig", sie gerade jetzt zu unterstützen, "damit unser kulturelles Leben hier in Deutschland aufrecht erhalten werden kann".

In vielen Kulturinstitutionen wie Theatern oder Konzerthäusern oder auch in ihren Museen sei im Übrigen schon viel Energie "in diese Hygienemaßnahmen" hineingeflossen, die dafür gesorgt habe, das das Ansteckungsrisiko so gering wie möglich sei.

Auch das Publikum leidet

Auch das Publikum leide psychisch unter den seit Monaten währenden Beschränkungen: "Wir sind alle davon abhängig, dass Kultur passiert, dass Kunst weiterhin ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft sein darf und soll", mahnte Jahn, "und ich denke, da sollten wir doch in zwei Wochen spätestens nochmal drüber nachdenken".


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Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" vom 29.10.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt Andrea Jahn bei einer früheren Stadtpressekonferenz (Archivfoto: Landeshauptstadt Saarbrücken).

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