Deutscher Kulturrat: "Es ist für uns total bitter"

"Es ist für uns total bitter"

Ein Gespräch mit Olaf Zimmermann, dem Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, über den zweiten Lockdown der Bundesregierung

Jochen Marmit. Onlinefassung: Rick Reitler   29.10.2020 | 08:45 Uhr

Olaf Zimmermann, der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, hat die Bundesregierung im SR-Interview scharf kritisiert: Die Branche sei "traurig und entsetzt", dass sie wieder "auf Null gefahren" werde, obwohl die Mitarbeiter die bisherigen Corona-Auflagen erfüllt hätten. Die Bundesregierung müsse nun eine angemessene Entschädigung zahlen.

Theater, Kinos und Konzerthallen... Sie alle müssen bundesweit ab dem 2. November mindestens vier Wochen lang geschlossen bleiben. So wollen es die Kanzlerin, so wollen es die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der 16 Bundesländer.

Kulturrat verlangt Entschädigung

Olaf Zimmermann, der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, macht aus seiner Enttäuschung keinen Hehl: "Wenn es nach uns gehen würde, würde es diese Maßnahmen so gar nicht geben", sagte Zimmermann im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Marmit. "Deswegen verlangen wir auch, dass es eine angemessene Entschädigung dafür gibt".

Seine Forderung umfasse nicht nur Hilfen für "die großen Einrichtungen", sondern u. a. auch für die Künstlerinnen und Künstler, die Beleuchter, und auch für jene, die Veranstaltungsbewerbungen machten. "Da hängt ja ein ganzer Rattenschwanz von aktiven Menschen dran", stellte Zimmermann klar.

Die Bundesregierung habe eine Entschädigung von 75 Prozent des Jahresvormonats als Umsatzausgleich zugesagt. Er hoffe nun, dass diese Zahlungen "nun wirklich im Kulturbereich" ankämen. Die Aufgabe des Kulturrats sehe er jetzt darin, "so viel wie möglich herauszuholen".

Versäumnisse der Politik

Die Politik habe den ganzen Sommer Zeit gehabt, sich "vernünftige Konzepte" und "praktische Umsetzungen" zu überlegen, um etwa die U-Bahnen, S-Bahnen oder Busse leer zu bekommen. Stattdessen würden jetzt "quasi die Endpunkte" wie Museen oder Opernhäuser "ausgedünnt", kritisierte Zimmermann.

"Sichere Orte zu unsicheren erklärt"

Er empfinde die Kulturszene als "Kollateralschaden", weil es der Bundesregierung und den Ländern mit ihrem Verordnungen ja vor allem darum gehe, "die Menschen von der Straße zu holen" und "alles zu unterbinden, wo die Menschen hingehen könnten". "Deswegen sind wir, obwohl wir sichere Orte sind, auf einmal zu unsicheren Orten erklärt worden."

"Traurig und entsetzt"

Immerhin habe die Branche im Sommer durch Hygienekonzepte und Umbaumaßnahmen versucht, wenigstens den Weg "in eine gewisse Normalität wieder zu erreichen", sagte Zimmermann. Dass der Kulturbereich nun für einen Monat wieder "auf Null gefahren" werde, obwohl alle Bedingungen erfüllt worden seien und auch die Genehmigung vorgelegen habe, vor Publikum spielen zu dürfen, sei nun "total bitter". "Darüber sind wir traurig und entsetzt", sagte Zimmermann.


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 29.10.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Archivbild ganz oben zeigt Olaf Zimmermann, den Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates (Foto: dpa / Kay Nietfeld).

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