"Viele wissen nicht mehr, wie's mit ihren Familien weiter geht"

"Viele wissen nicht mehr, wie's mit ihren Familien weiter geht"

Ein Gespräch mit Jazz-Professor Oliver Strauch über den zweiten Lockdown der Bundesregierung

Jochen Marmit. Onlinefassung: Rick Reitler   29.10.2020 | 07:45 Uhr

Der Saarbrücker Jazz-Professor Oliver Strauch hat angesichts des ab dem 2. November angeordneten zweiten Corona-Lockdowns der Bundesregierung neue Konzepte und einen "riesigen Rettungsschirm" für die Unterstützung der Kulturszene gefordert. Die aktuellen Hilfsangebote seien für viele gar nicht "einlösbar".

Der Saarbrücker Schlagzeug-Professor Oliver Strauch hat neue Konzepte für die Unterstützung der Kulturszene gefordert. Clubs und Spielstätten der freien Szenen müssten "mit einem riesigen Rettungsschirm" aufgefangen werden. Die Konzepte dafür müssten seiner Ansicht nach "aus Berlin kommen" und mit "Experten aus der Kultur" erarbeitet werden, sagte Strauch im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Marmit.

"Nicht nur überleben lassen per Almosen"

Zwar müsse man Verständnis dafür aufbringen, "dass harte Maßnahmen ergriffen werden", räumte Strauch ein, "aber natürlich brauchen wir Konzepte, die die Kulturszene nicht nur überleben lassen per Almosen, sondern auch den Wert von Kunst und Kultur wieder in unserer Gesellschaft verankern können."

Hygienekonzepte haben funktioniert

Strauch betonte, dass von Seiten der Kulturszene "in hervorragender Weise" "unwahrscheinlich viel gemacht" worden sei, "um Hygienekonzepte umzusetzen". Das habe auch "super funktioniert". Allerdings habe es die Szene der Kuzlturschaffenden auch jahrzehntelang verschlafen, ihren Wert für die Gesellschaft klar zum Ausdruck zu bringen.

"Rettungsschirme viel zu komplex"

Er selbst habe 20 Jahre lang als freier Musiker gearbeitet und wisse, "was es heißt, von der Hand in den Mund zu leben". Die Rettungsschirme seien "viel zu komplex zwischen Bund und Ländern, für viele auch einfach nicht einlösbar". Viele Kulturschaffende wüssten "nicht mehr, wie's mit ihren Familien weiter geht". Die Szene stehe jedenfalls vor einem Kollaps - "man kann es nicht anders sagen", so Strauch.


Jazz-Professor Oliver Strauch
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Der Saarbrücker Schlagzeug-Professor Oliver Strauch hat einen Aufruf zur Rettung der Kulturszene gestartet. Momentan stehe "eine Berufsgruppe vor dem Kollaps", sagte er im Gespräch mit SR-Moderatorin Gabi Szarvas. Jeder Einzelne sei gefordert, sich für die Betroffenen einzusetzen.


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 29.10.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Archivbild ganz oben zeigt Prof. Oliver Strauch (Foto: Jean M. Laffitau).

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