Staatsteater-Intendant: "Ab Dezember brauchen wir doch eine gewisse Sicherheit"

"Ab Dezember brauchen wir doch eine gewisse Sicherheit"

Ein Gespräch mit Staatstheater-Intendant Bodo Busse über den zweiten Lockdown der Bundesregierung

Jochen Marmit. Onlinefassung: Rick Reitler   30.10.2020 | 07:50 Uhr

Staatstheater-Intendant Bodo Busse kann nur bedingt Verständnis dafür aufbringen, dass via Lockdown-Verordnung auch seine Spielstätten zur Einstellung des Publikumsbetriebes verpflichtet wurden. Ihm sei deutschlandweit kein einziger Fall bekannt, in dem eine Infektionskette durch Theaterbesucher ausgelöst worden sei.

Um Punkt 0.00 Uhr am 2. November soll nach dem Willen der Regierung eine Lockdown-Phase in ganz Deutschland sämtliche Gaststätten, Restaurants, Bars, Sportanlagen, Fitnessstudios, Kinos und Museen für mindestens vier Wochen nahezu lahmlegen. Auch Theater sollen dann ihren Publikumsbetrieb einstellen.

"Sehr schwierig nachzuvollziehen"

Für Bodo Busse, den Generalintendanten des Saarländischen Staatstheaters, ist es "sehr schwierig nachzuvollziehen, warum sozusagen hier ganz pauschal ein Lockdown auch für alle Kultur- und Kunstbetriebe verhängt wurde", sagte Busse im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Marmit. Nicht nur sein Haus habe "in den vergangenen Monaten funktionierende Sicherheits- und Hygienekonzepte erarbeitet" und die Zeit genutzt, um die "Situation jetzt vorzubereiten".

"Kein Grund, Angst zu haben"

Er verstehe zwar, dass man angesichts der "erschreckenden" Corona-Situation "politisch agieren musste", vermisse allerdings einen "sehr differenzierten Blick auf die einzelnen Branchen". "Im Bereich der Zuschauer" sei ihm aus ganz Deutschland kein einziger Fall bekannt, in dem eine Infektionskette während einer Bühnenvorstellung ausgelöst worden sei. Zudem werde die Maskenpflicht vom Publikum akzeptiert. Zusammen mit der Reduktion der Sitzplatzkapazität und den Sicherheitsabständen gebe es schon jetzt "eine doppelte Absicherung" und darüber hinaus sogar noch ein "perfekt funktionierendes Abluftsystem" im Saarländischen Staatstheater. "Deshalb gibt es überhaupt keinen Grund, Angst zu haben", betonte Busse.

Hoffen auf Dezember

Natürlich trage sein Haus die für alle "bittere" Entscheidung mit, er hoffe aber nun darauf, dass "wir wirklich ab Dezember wieder spielen können". Der Proben- und Werkstättenbetrieb laufe weiter, die wenigen notwendigen Verschiebungen aus dem November werde man verkraften können. "Aber danach brauchen wir doch eine gewisse Sicherheit", mahnte Busse.

Lautsein, Optimismus, Produktivität

Für alle, deren Existenz nun bedroht sei, sei es aktuell wichtig, "laut zu sein, auch wirklich seine Ängste auszusprechen und das deutlich zu machen, auf der anderen Seite wirkllich optimistisch nach vorne blicken und sozusagen planerisch mit der Situation produktiv umzugehen", sagte Busse.


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 30.10.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt Intendant Bodo Busse bei seinem Besuch im SR Fernsehen am 29. Oktober 2020.

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