Gastronom Jens Jacob: "Für die Branche ist es 'ne Katastrophe"

"Für die Branche ist es eine Katastrophe"

Ein Gespräch mit dem Saarbrücker Gastronomen Jens Jacob über die Anordnung des zweiten Lockdowns durch die Politik

Jochen Erdmenger. Onlinefassung: Rick Reitler   28.10.2020 | 16:45 Uhr

Der Saarbrücker Gastronom Jens Jacob sieht angesichts des zweiten Lockdowns ein weiteres Kneipensterben in der Saarbrücker Innenstadt kommen. Den Ausfall der wichtigen Umsätze aus dem Vorweihnachtsgeschäft sei für viele Gaststättenbetreiber trotz der Erholungsphase im Sommer 2020 nicht mehr zu verkraften.

Wie viele Wirte, Köche und Hoteliers werden den zweiten Corona-Lockdown nicht überstehen? Wenn keine "große Hilfe" käme, dann werde es "sehr, sehr eng werden", sagte der Saarbrücker Gastronom Jens Jacob vom Restaurant "Le Comptoir" im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Erdmenger.

Ausfall des Weihnachtsgeschäfts

Er gehe davon aus, dass große Gästegruppen nicht nur im November, sondern auch im Dezember nicht zugelassen sein werden. Das Weihnachtsgeschäft sei aber nicht nur in der Gastronomie, sondern auch im Einzelhandel "unabdingbar", denn der daraus resultierende Jahresumsatzanteil von etwa 20 bis 25 Prozent würde in diesen Branchen für das ganze Jahr gebraucht. Und im Januar und Februar drohe in der Gastronomie auch in normalen Jahren ohnehin "die große Ebbe". Der zweite von der Bundesregierung angeordnete Lockdown sei somit "eine Katastrophe".

"Ein Stück weit sprachlos"

Er selbst sei zwar nicht "sauer", aber "ein Stück weit sprachlos" über die Entscheidung der Regierung, die Restaurants bundesweit vier Wochen lang schließen und all das in Kauf nehmen zu wollen.

Dabei müsse man die Art und den Ort eines Essklokals differenzieren: Ein Lokal mit hoher Miete und hohen Personalkosten - etwa am Sankt Johanner Markt in Saarbrücken - könne den zweiten Lockdown aus seiner Sicht nicht überleben.

Gewisse Erholung im Sommer

Gastro-Mitarbeiter vom Lockdown besonders hart getroffen
Audio [SR 3, Yvonne Schleinhege/Gerd Heger, 29.10.2020, Länge: 02:24 Min.]
Gastro-Mitarbeiter vom Lockdown besonders hart getroffen

Jacob räumte ein, dass viele Saarbrücker Lokale im Sommer zwar eine "bärenstarke Reservierungslage" gehabt hätten. Das habe bei diesen zwar zu einer gewissen "Erholung" vom ersten Lockdown im März und April geführt - die erneute Schließung in der deutlich wichtigeren Vorweihnachtszeit aber könnten diese Gaststätten nicht wieder gutmachen. Und "die kleine Kneipe" habe es in den vergangenen Monaten noch wesentlich härter getroffen als die Speisegastronomie, gab Jacob zu bedenken.


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Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" vom 28.10.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Archivbild ganz oben zeigt den nahezu verwaiusten St. Johanner Markt in Saarbrücken Anfang April 2020 (Foto: Sebastian Knöbber).

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