Kommentar: Warum die freie Kulturszene mehr Zuwendung verdient

Warum die freie Kulturszene mehr Zuwendung verdient

Die Meinung von Karsten Neuschwender

Karsten Neuschwender   23.04.2020 | 14:20 Uhr

In der freien Kulturszene macht sich immer mehr Unmut und Kritik an den öffentlichen Stellen breit. Nicht nur, weil sich die Auszahlung der Hilfsgelder als holprig gestaltet hat. Die freien Künstler brauchen eine Perspektive und fühlen sich zu wenig wahrgenommen. Höchste Zeit, sie in den Focus zu nehmen, meint Karsten Neuschwender. Ein Kommentar.

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Im Grunde genommen ist es das alte Lied, nur dass es im Corona-Drama in abgründigen existenziellen Tönen gesungen wird. Was ist uns Kultur wert und was bedeutet sie uns?

Systemrelevant?

Ein dramatischer Konflikt: Gerne wird von politischer Seite gesagt, dass Kultur ein Lebensmittel sei. Aber gleichzeitig wird immer betont, dass man sich erst um systemrelevante Bereiche kümmern müsse. Beim Wort genommen heißt das doch, dass das Lebensmittel Kultur dann doch kein so richtiges Lebensmittel ist?

Diesen Widerspruch spüren derzeit die Künstler, und deshalb macht sich Frust breit. Vor allem bei freien Künstlern, die nicht Teil von Kulturinstitutionen wie Theater oder Orchestern sind, die ihren Mitarbeitern unter anderem durch Kurzarbeit durch die schweren Zeiten helfen können.

Debatten um Landes-Hilfsfonds

Vor diesem Hintergrund ist der Ärger, der sich gerade in den sozialen Medien Luft macht, nachzuvollziehen: Es geht vorrangig um den Hilfsfonds vom Land, der bis Ende März beantragt werden konnte. Die Frage einer Sängerin an ihre Kollegen war: Habt Ihr was gehört und bekommen? Die Antworten: Nein, nichts. Klar, repräsentativ ist ein solcher Vorgang in den sozialen Medien nicht. Recherchiert man nach, ergibt sich ein differenziertes Bild: Viele haben Geld bekommen und sind dankbar. Aber da gibt es auch das Klassikerpaar, das die Anträge zeitgleich gestellt hat: Sie wurde bewilligt und hat das Geld, er noch nichts gehört. Oder der Jazzpianist, der zwar weder einen Bescheid noch sonst eine Information bekommen hat, dafür aber das Geld auf das Konto. Und es gibt die Frustrierten, die Anfang der Woche weder Geld noch Bescheid hatten.

Überlastete Ämter, überraschte Politiker, misstrauische Künstler

Die Politik verweist darauf, dass alle Anträge bearbeitet seien, und es manchmal einfach ein wenig Geduld bräuchte. Für Menschen mit teilweise prekären Einkommen ist das aber schwierig - auch wenn man Verständnis haben muss für überlastete Ämter, die eine Flut von Anträgen bearbeiten müssen und für Politiker, die mit einer Situation konfrontiert sind, die es so noch nicht gab. Aber auch das Misstrauen der Künstler ist nachvollziehbar. Sie stehen eben oft ganz hinten an.

Dabei ist gut und wichtig, dass es die Hilfsfonds von Land und Bund gibt. Das Geld hilft über einige Monate hinweg. Die drängende Frage ist aber auch: Was dann? Bis auf weiteres sind die meisten Veranstaltungen abgesagt, aus Angst und Unsicherheit teilweise bis in den Winter hinein.

Baumarkt ja, Konzertsaal nein?

Verständlich, dass die Künstler mit Verwunderung drauf gucken, dass sich hunderte von Menschen unter Einhaltung der Sicherheitsabstände durch Baumärkte und Gartencenter schieben dürfen, es aber derzeit nicht möglich ist, unter Einhaltung von Schutzmaßnahmen eine Kulturveranstaltung zu machen. Und falls die Veranstalter Pleite gehen, wird es auch länger nicht möglich sein. Da klingt das Lied, Kultur sei ein Lebensmittel, aber nicht systemrelevant, bitter.

Ideen und Konzepte

Die Politik wartet ab - von Konzepten, wie man aus der Krise herauskommt, hört man wenig. Dabei gäbe es diskutable Ideen, eine Perspektive zu entwickeln. Zum Beispiel: Der Betreiber des Inselgartens in Saarlouis hat ein Konzept für Kulturveranstaltungen in Coronazeiten vorgelegt. Abstand der Besucher zueinander, kontaktloser Ausschank sowie Registrierung der Besucher gehören dazu.

Bundesweit schlägt der deutsche Musikrat ein langsames Hochfahren des Konzertbetriebes vor, unter anderem durch kürzere Konzerte ohne Pausen und Verkauf von nur jedem zweiten Sitzplatz zur Vermeidung enger Kontakte. Das müsste nun geprüft werden. Poprat und einzelne Saarländische Kommunen und Veranstalter planen Konzerte für nach Corona und zahlen jetzt schon.

Solche Ideen brauchen wir jetzt - auch von Land und anderen Städten. Denn es sind die freien Künstler, die unser Leben zu einem Großteil mitgestalten, es ist der Zauberer bei Kinderveranstaltungen, das Jazztrio in Clubs und Open Air, der Singer-Songwriter der vom Leben singt und die experimentellen Performer, die neue Impulse im ästhetischen Erleben setzen.

Depressive Leere droht

In der Corona-Krise ändert sich die Situation täglich, deshalb muss darüber diskutiert werden, ob der Veranstaltungsstopp wirklich so stattfinden muss – und wie man mit den Künstlern das kulturelle Leben in angemessener Form wiederbelebt. Der Refrain des alten Liedes muss anders gesungen werden: Kultur ist ein Lebensmittel und deshalb ist sie auch eine Priorität. Denn wenn sie nicht mehr da ist, droht uns allen nach der Krise depressive Leere.

Hintergrund:

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Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" vom 23.04.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt einen leeren Bühnensaal (Archivfoto: Pixabay).

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