"So ein Camp wäre in Deutschland verboten"

"So ein Camp wäre in Deutschland verboten"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmemacher Moritz Schulz über seinen Film "Sommerkrieg"

Sally-Charell Delin.   21.01.2020 | 15:55 Uhr

Für seinen Film "Sommerkrieg" hat der Fernsehjournalist und Dokumentarfilmer Moritz Schulz ein Sommerferienlager in der Nähe von Kiew besucht. Wie er auf die Idee zu dem Film kam, was er erlebt hat und wie der Krieg die Menschen in der Ukraine verändert hat, erzählt er im Interview mit SR 2.

Der zwölfjährige Junge Jastrip und das zwölfjährige Mädchen Jasmin sind die Protagonisten von Moritz Schulz Dokumentarfilm "Sommerkrieg". Seit einem Dreh in der Ukraine vor einigen Jahren beschäftige ihn das Land, so Schulz. Dadurch wurde der Filmemacher auch auf die paramilitärischen Kinder-Ausbildungscamps aufmerksam.

Wo Krieg herrscht...

Was für Deutsche völlig unverständlich ist, sei für Ukrainer akzeptabel, weil sie in einem Land lebten, in dem Krieg herrsche. Das ist eine der Erfahrungen, die Schulz während des Drehs seines Dokumentarfilms gemacht hat.

Die Kinder üben in dem Camp unter Anleitung von Jugendlichen oder jungen Erwachsenen zu kämpfen, zu schießen, Befehle zu befolgen und werden mit nationalistisch aufgeladenen Botschaften indoktriniert. Aber warum schicken Eltern ihre Kinder dorthin?

Den einen Grund dafür gibt nicht, so der Filmemacher: "Es gibt viele, bei denen spielt Ideologie eine Rolle, aber es gibt auch viele sekundäre Gründe." Einige wollen ihren Nachwuchs nur "loswerden" erklärt Schulz. So war es zum Beispiel bei einem der Protagonisten des Films – Jastrip. Jasmin, deren Zeit im Camp Schulz auch dokumentiert hat, wollte selbst ins Camp.

Nähe und Gemeinschaftsgefühl

Trotzdem bleibt die Frage – was machen die Kinder dort? "Man stellt es sich drastisch und unangenehm vor. Und es hat auch unangenehme Seiten, es gibt Drill", sagt der Fernsehjournalist. Man vergesse dabei aber auch, dass es positive Seiten gibt: "Da ist schon so ein Gemeinschaftsgefühl, das natürlich auch über Exklusion läuft, aber für diese Kinder extrem positiv besetzt ist. Sie haben den Eindruck, sie gehören zu etwas dazu."

Standbild aus „Sommerkrieg“ (Foto: Christoph Bockisch)
Standbild aus „Sommerkrieg“

Was viele, die den Film sehen, überrascht, so Schulz, ist dass die Ausbilder auf der einen Seite streng sind, auf der anderen Seite die Kinder aber auch mal in den Arm nehmen. Und genau das sei für viele dort sehr wichtig. Wie und ob es die Kinder verändert, erklärt der Filmemacher am Beispiel seiner Protagonisten: "In der Zeit sind beide viel stärker in die Ideologie und Zusammengehörigkeit eingetaucht." Für Jastrik wurde die Organisation sogar zu einer Art Familienersatz. Für den Sommerkrieg-Regisseur die größte Gefahr der Camps.

Vorstellungszeiten

Die Dokumentation "Sommerkrieg" läuft während des Filmfestivals Max Ophüls Preis an mehreren Tagen.

Mittwoch, 22.30 Uhr im Kino  8 ½
Freitag, 20.00 Uhr im CineSstar (Saal 2)
Samstag, 14.30 Uhr im CineStar (Saal 5)
Sonntag, 15.00 Uhr in der Kinowerkstatt in St. Ingbert

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" vom 21.01.2020 auf SR 2 KulturRadio.

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