Glosse: Wenn das Möbelstück einfach nur halten soll

Wenn das Möbelstück einfach nur halten soll

Eine Glosse

Jochen Erdmenger   13.01.2020 | 08:55 Uhr

Zum Auftakt der Möbelmesse in Köln hat SR-Reporter Jochen Erdmenger sich mal in den eigenen vier Wänden umgeschaut und versucht herauszufinden, welche Wohntrends sich da im Laufe der Zeit wohl "eingerichtet" haben? Und er musste feststellen: Ein Kandidat fürs Titelblatt von "Schöner Wohnen" wäre er wohl nicht.

Ausflüge ins Möbelhaus fand ich schon als Kind faszinierend: "So könnte man also auch Wohnen! Die Inneneinrichtung ist eben immer auch ein Spiegel unsere Lebensentwürfe." So hätte ich das als kleiner Bub‘ natürlich nicht formuliert, aber mir war damals irgendwie schon klar: Es gibt ein Leben jenseits der raumfüllenden Schrankwände unserer Elterngeneration, die immer auch Symbol waren: Hier hat sich jemand sein Leben scheinbar unverrückbar eingerichtet - ganz zu schweigen vom Gelsenkirchener Barock in den Wohngruften unserer Großeltern. Wann wird sich je eine Generation wieder derart das Leben vermöbeln?

Upcycling und Vergänglichkeit

Zuletzt war es ja eher Mode, sich morsche Weinkisten als Regalersatz an die Wohnzimmerwand zu tackern oder aus alten Europalletten Sitzgelegenheit zu improvisieren. Eine Gelegenheit ist aber eben immer auch was Flüchtiges: Sie kommt und geht auch wieder. Nennt es ruhig Upcycling oder Nachhaltigkeit. All diesen Entwürfen wohnt ihre Vergänglichkeit inne. Niederlassen? Nur solange es bequem ist.

Pragmatismus gegen Ästhetik

Und vielleicht hat es ja auch mit den heute häufig verschlungen Pfaden hin zu einem halbwegs geregelten Berufs- und Familienleben zu tun, dass in unsere vier Wänden ein gewisser Eklektizismus und Pragmatismus einziehen: Auch wenn ich mein "Ivar"-Regal nicht mehr sehen kann, es bleibt, bis es unter der Last der Spiele, Bücher und Aufbewahrungsboxen zusammenbricht. Der alte Steckschrank aus Eiche, Second-Hand von der Internet-Verkaufsbörse, passt vielleicht nicht zum Futon-Bett vom Sperrmüll noch aus Studi-Tagen, bleibt aber erst mal bis zum nächsten Umzug! Und statt zur Geburt der Kinder für hunderte Euro eine vollmassive Wickelkommode vom Ökomöbelversand anzuschaffen, wurde einfach auf ein ausgedientes weiß lackiertes IKEA-Schränkchen eine Auflage draufgezimmert, fertig!

Reden wir nicht von Ästhetik! Obwohl: ein bisschen Zeitgeist ist auch in der Bude: Auf dem Höhepunkt der Vintage-Welle habe ich mir einen chinesischem Beistelltisch - aus holzwurmdurchbohrten Holzresten in Fernost schräg zusammengezimmert - ins Wohnzimmer gestellt. Im dämmrigen Schein der damals ach so angesagten Fadenglühlampen fiel die grobschlächtige Verarbeitung auch nicht weiter auf.

Greta gegen Oma

Glaubt man den PR-Strategen aus der Möbelbranche, dann ist Vintage jetzt aber ja eh "out". Auf der diesjährigen Möbelmesse in Köln ist - seien sie jetzt stark und krallen sie sich an ihrer Stuhllehne fest - Nachhaltigkeit angesagt. Also Naturmaterialien, viel Holz, erdige Farbtöne, Minimalismus, klare Formen. Viel sanftes Beige und helles Braun werden wir sehen. Die Möbelbranche beruft sich auf den Greta-Effekt und den hohen Stellenwert von Ökologie und Nachhaltigkeit. Ob diese Kreationen aber tatsächlich so nachhaltig wie noch Omas "Eiche rustikal" mit unseren Wohnstuben verwachsen werden? Oder ist das nur die nächste Konsummode? Da wären wir dann wieder bei der Sache mit den Lebensentwürfen…

Ein Wohnzimmer im "Gelsenkirchener Barock" (Foto: imago images / biky)

Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 13.01.2020 auf SR 2 KulturRadio.

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