Notre Dame de Paris - 100 Tage nach dem Brand

Notre Dame de Paris - offene Wunde und Touristenmagnet

Ein Gespräch mit Paris-Korrespondentin Barbara Kostolnik

Audio: Kai Schmieding. Foto: dpa / picture alliance / Stephane De Sakutin, Julia Naue   24.07.2019 | 06:45 Uhr

Vor genau 100 Tagen brannte die Kathedrale Notre Dame de Paris. Der gotische Prachtbau wandelte sich zur offenen Wunde der Lichterstadt. Doch auch wenn manche Versprechen wohl nicht gehalten werden können - ein Touristenmagnet ist die Ruine immer noch, wie die Paris-Korrespondentinnen Barbara Kostolnik und Sabine Wachs berichten.

Vor genau 100 Tagen, am 15. April 2019, brannte die Kathedrale Notre Dame de Paris lichterloh, das Dach stürzte ein, Löschwasser richtete großen Schaden an.

"Post-Katastrophentourismus"

Offene Wunde im Herzen von Paris
Audio [SR 2, Sabine Wachs, 24.07.2019, Länge: 03:32 Min.]
Offene Wunde im Herzen von Paris
Auch wenn das fast komplett zerstörte Wahrzeichen Notre Dame von riesigen Bauzäunen umgeben ist: Die Kathedrale bleibt ein Touristenmagnet.


Längst sei "so eine Art Katastrophentourismus, Post-Katastrophentourismus" in Gang gekommen, wie Frankreich-Korrespondentin Barbara Kostolnik im Gespräch mit SR-Moderator Kai Schmieding bestätigt. "Es sind unfassbar viele Touristen da, die sich wirklich von allen Seiten, so nah sie rankönnen, an diese Kathedrale drängen, Selfies machen, Fotos machen, das Ganze dokumentieren", schilderte Kostolnik. Dabei sei zurzeit noch nicht einmal der Vorplatz betretbar.

Warten auf Großspenden

Milliarden Euro an Spenden für den Wiederaufbau wurden bereits wenige Stunden nach Ausbruch des Feuers zugesagt - bis dato 850 Millionen Euro. Auf den Konten gelandet sei bisher allerdings nur ein Bruchteil, bestätigte Kostolnik: Die versprochenen Riesenspenden der beiden Milliardärsfamilien Arnault und Pinault seien jedenfalls noch nicht geflossen. Sie gehe aber davon aus, dass die Familien ihre Versprechen halten werden.

Fünf Jahre "mittelrealistisch"

An der Kathedrale selbst sei außer Aufräumen und Sichern auch noch nicht allzu viel geschehen - von daher zweifele sie daran, dass der Plan von Präsident Emmanuel Macron aufgehen könne, den gotischen Prachtbau innerhalb von fünf Jahren wieder zu eröffnen. "Das ist mittelrealistisch", räumte Kostolnik ein, "man kann ja derzeit von einem Wiederaufbau gar nicht sprechen. Es geht nach wie vor darum, dass diese Kathedrale gesichert wird, dass da erstmal der Schutt rausgeräumt wird - und dann kann man mal langsam drüber nachdenken, wie man diese Kathedrale wieder aufbaut."

Hintergrund

Der französische Präsident Emmanuel Macron hatte bereits am Abend des 16. April bei einer Fernsehansprache angekündigt, dass Notre Dame bis 2024 in einem Stil "zwischen Tradition und Moderne" wieder aufgebaut sein soll. Im Sommer desselben Jahres richtet die Seine-Metropole die Olympischen Spiele aus.


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Die Meinung:

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"Die Baustelle und die rußgeschwärzte Fassade von Notre Dame werden bis auf weiteres wie eine Ruine und wie ein Mahnmal an der Seine stehen, aber sich schon sehr bald auch wieder als ein neues Symbol für den Selbstbehauptungswillen der Franzosen präsentieren", meint SR-Landespolitikchef Michael Thieser in seinem Kommentar.


Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 24.07.2019 auf SR 2 KulturRadio.

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