"Eine Oper, die den Zuschauer ratlos zurücklässt - aber bestens unterhalten"

"Man bleibt ratlos zurück - aber bestens unterhalten"

Premierenkritik: Charles Gounouds "Faust" im Saarländischesn Staatstheater

Michael Schneider   01.06.2019 | 13:15 Uhr

Goethes Faust ist der Inbegriff klassischer deutscher Literatur. In Opernform gegossen hat das ganze allerdings ein Franzose: Charles Gounod. Er schrieb eine der bekanntesten Adaptionen des Stoffs, die nun am Saarländischen Staatstheater von dem Russen Vasily Barkhatov inszeniert wird. Was aus der internationale Zusammenarbeit geworden ist, hat sich Michael Schneider angesehen.

Faust mal ganz anders. Der Ausganspunkt dieser Inszenierung ist eine Familienfeier. Der alternde Faust will mit Freunden zurückblicken auf ein erfülltes Leben - aber dann macht ihm die Vergangenheit einen Strich durch die Rechnung.

Mephisto ist hier der Anführer einer Bande von Rächern, die Faust seine Verfehlungen vorhalten will. Und der kommt nicht gut weg. Er wird dargestellt als egomanischer Frauenheld, der auch schon mal Minderjährige missbraucht. Keine leichte Kost. Es entspinnt sich ein vielschichtiges Rollenspiel zwischen den Anwesenden, in dem diese Geschichte nach und nach rekonstruiert wird.

"Faust" am Saarländischen Staatstheater (Foto: Andrea Kremper/Saarländisches Staatstheater)

Herausragend sind die Rollen des jungen Faust und die der Margarethe, gesungen von Sung Min Song und Valda Wilson. Kraftvoll, mit einer unglaublichen Bühnenpräsenz.

Und das haben die ersten Akte auch bitter nötig, denn das Verwirrspiel über mehrere Ebenen, die Zeitsprünge, die Überlagerung des klassischen Textes mit neuen Bedeutungsschichten - all das ist bisweilen etwas viel. An manchen Stellen ist schlicht unklar, welche Figur in welchem Zeitstrang gerade mit wem kommuniziert. Dazu kommt der klaustrophobische Raum, in dem sich das Ensemble immer mehr in eine auswegslose Situation spielt. Viele gute Ideen, zusammengesetzt zu einem unübersichtlichen Mosaik. Am Ende rätselt der Zuschauer mehr, als dass er der Musik folgt.

Nach der Pause wird das allerdings besser. Jetzt öffnet sich die Bühne, es kommt Bewegung in die Sache, Chor und Sänger harmonieren großartig. Da macht es nicht mehr viel aus, dass die Inszenierung bis zum Ende keine eindeutige Linie findet. Eine Oper, die den Zuschauer zwar ratlos zurücklässt - aber wenigstens bestens unterhalten.


Opern-Tipp:

Faust
Oper von Charles Gounod
Libretto von Jules Barbier und Michel Carré nach Goethes "Faust"
In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Die weiteren Termine:
Samstag, 08. Juni 2019, 19:30 Uhr
Samstag, 15. Juni 2019, 19:30 Uhr
Sonntag, 23. Juni 2019, 18:00 Uhr
Dienstag, 25. Juni 2019, 19:30 Uhr
Sonntag, 30. Juni 2019, 18:00 Uhr
Dauer: 180 Min , Einführung jeweils 30 Min vor Beginn

Ort:
Saarländisches Staatstheater, Großes Haus

Besetzung:
Musikalische Leitung: Sébastien Rouland
Inszenierung: Vasily Barkhatov
Alter Faust: Algirdas Drevinskas
Junger Faust: Angelos Samartzis, Sung min Song
Méphistophélès: Markus Jaursch
Valentin: Salomón Zulic del Canto
Wagner: Hiroshi Matsui
Marguerite: Olga Jelinkova, Valda Wilson
Siebel: Carmen Seibel
Dame Marthe: Judith Braun
Opernchor des Saarländischen Staatstheaters
Saarländisches Staatsorchester

"Faust" am Saarländischen Staatstheater (Foto: Andrea Kremper/Saarländisches Staatstheater)

Ein Thema in der Sendung "Der lange Samstag" vom 01.06.2019 auf SR 2 KulturRadio.

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