Glosse: Sonderzug nach Hanoi

Sonderzug nach Hanoi

Eine Glosse von Erik Heinrich

  26.02.2019 | 08:55 Uhr

Kim ist schon in Hanoi vorgefahren, Donald sitzt noch in der Air Force One: Am 27. Februar treffen sich der nordkoreanische Machthaber und der US-Präsident in Vietnam. Donald freut sich laut seinem letzten Twitter-Tweet auch schon sehr auf ein produktives Treffen. Wobei unser Glossist Erik Heinrich die beiden ja eher mit Protzen statt Produktivität verbindet...

Wenn sich die beiden amtierenden Kindkaiser und geliebten Großmachtregenten Donald und Kim treffen, dann wird was aufgefahren, aber richtig. Da müssen große, ganz große Bilder her. Da für Kims Triumphzug nach Hanoi weder ein Raumschiff noch eine Karawane Elefanten zur Verfügung stand, musste wenigstens der Sonderzug entstaubt und aufpoliert werden.

Nordkorea, Pjöngjang: Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un (Foto: dpa / picture alliance / AP / Kin Cheung)
Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un

Wer denkt bei Sonderzug nicht an Lenins berühmte Reise von der Schweiz nach Petersburg, oder an den Wilden Westen und Filme wie Last Train from Gun Hill, Spiel mir das Lied vom Tod oder an die Brücke am Kwai oder an den Orientexpress!

Bei Redaktionsschluss gestern abend war nicht klar, ob Kim, der schon Sonntag zustieg, immer noch im Zug sitzt, der drei Tage nach Hanoi bräuchte und sich wegen seiner Panzerung und des abartigen Gewichtes nur mit Deutsche Bahn-Tempo bewegen kann. Oder ob das Winken aus dem Zug nur den Kameras daheim galt und er längst in ein chinesiches Flugzeug umgestiegen ist. Aber was für ein setting für ein Drehbuch! Während der wohlgenährte geliebte Führer und seine Entourage in die mit rosafarbenem Leder bezogenen Sessel pupen und auf Großbildschirmen Indiana Jones dabei zuschauen, wie er einen Zirkus-Zug aufräumt oder vielleicht auch Die Olsenbande stellt die Weichen, versuchen getarnte chinesische Agenten Kims Zug umzulenken auf ein anderes Gleis, das auf eine Schlucht führt.

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Schicksalswoche für Trump
Außenpolitisch könnte US-Präsident Trump beim am 27. Februar beginnenden Gipfeltreffen mit Nordkoreas Machthaber Kim wichtige Erfolge erzielen. Doch innenpolitisch droht ihm Unangenehmes.

James Bond muss diesen Plan vereiteln, weil er internationale Verwicklungen und ein atomares Desaster nach sich ziehen würde. Bond springt auf den Zug und liefert sich ein Gefecht mit allem Pipapo, bei dem ihm unverhofft eine bildschöne russische Agentin zur Hilfe kommt. Während Kim strahlend und gepudert wie ein Baby wohlbehalten in Hanoi abgegeben wird, verschwindet der Zug ratternd in asiatischen Weiten, an Bord nur Bond und die schöne Russin.

Man muss dem dicken Tyrannen eins lassen: Er versteht die Fantasie der Menschen zu beflügeln. Kim gegen Trump: eins zu null in Sachen Performance!

Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 26.02.2019 auf SR 2 KulturRadio.

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