"Eine anspruchsvolle, dichte und herausragende Inszenierung"

"Eine anspruchsvolle, dichte, herausragende Inszenierung"

Eine Premierenkritik zu "Kafkas Haus" am Saarländisches Staatstheater

Reingart Sauppe   02.09.2018 | 13:40 Uhr

"Kafkas Haus", die erste Schauspielpremiere der Saison im Großen Haus des Saarländischen Staatstheaters, nahm sich die Erzählungen des Schriftstellers Franz Kafka zum Thema. Wie Regisseurin Laura Linnenbaum diese in die heutige Zeit bringt, erzählt SR 2-Redakteurin Reingart Sauppe im Gespräch mit Roland Kunz.

Roland Kunz: Wie kann man denn eine Gedankenwelt auf die Bühne bringen? Das klingt erstmal reichlich abstrakt?

Reingart Sauppe: Ich war zunächst auch skeptisch. Denn oft scheitern ja solche Textbearbeitungen, wirken reichlich verkopft und entfalten dann keine sinnliche Kraft auf der Bühne. Das ist aber hier nicht so: Die Regisseurin hat ihre Textfassung selbst erstellt: Ein Glücksfall, wie sich im Laufe des Abends herausgestellt hat.

Szene aus "Kafkas Haus" am Saarländischen Staatstheater (Foto: Martin Kaufhold/Saarländisches Staatstheater)

Linnenbaum sampelt die kafkaschen Quellentexte zu einer dichtgewebten Collage, in der Erzählfiguren und der Schriftsteller Franz Kafka zu einer einzigen Figur "K." verschmelzen. Bekannte Motive ziehen sich dabei leitmotivisch durch die Inszenierung: Schuldgefühle, Vaterfurcht, Liebessehnsucht, Selbstzweifel, Anpassungsdruck, paranoide Realitätsverschiebungen. Kafkas Texte erschließen sich in Linnenbaums Inszenierung sinnbildlich. Das müssen wir gar nicht immer verstehen, aber wir sehen und spüren die Ängste dieses "K.".

Wie macht die Inszenierung das? Indem sie den "K." und seine spiegelbildlichen Figuren im Parforceritt durch ein Labyrinth der Gefühle schickt. Da geht es zum Beipiel um die Frage: Wie weit kann ich mich anpassen, wie weit bleibe ich Außenseiter und wie weit will ich das auch sein?

Etwa wenn der Schauspieler Sébastien Jacobi als Hungerkünstler "K." sich vorm Publikum splitternackt auszieht, dabei laut über den zweifelhaften Wert künstlerischer Arbeit nachdenkt – da hat man schon Mitleid mit diesem armen Außenseiter – aber im nächsten Augenblick steht der Nackte da, von einem Scheinwerfer glorifizierend beleuchtet und breitet die Arme aus wie der gekreuzigte Gottessohn und stilisiert sich selbst in einer Apotheose aus väterlicher Vernichtung (ein Motiv, das sich bei Kafka durch sein gesamtes Leben und Werk zieht) und narzisstischer Selbstüberhöhung.

Szene aus "Kafkas Haus" am Saarländischen Staatstheater (Foto: Martin Kaufhold/Saarländisches Staatstheater)

Dann geht es bei Kafka natürlich immer auch um die Frage: Was ist hier real, was bilde ich mir nur ein? Also so eine paranoide Grundangst, die in der Inszenierung emotional geschickt getriggert wird von einer sparsam dosierten, aber suggestiven Bühnenmusik und von der strengen Ästhetik des Bühnenbilds, das natürlich ganz in Schwarz gehalten ist und als Requisite sich auf große rechteckige Tische beschränkt. Wieviel Angst kann man allein mit nackten, schwarzen Tischen erzeugen? Das ist unglaublich!

Und trotzdem ist das alles natürlich ganz auf die Spitze getrieben: Durch die Inszenierung zieht sich zusätzlich so ein feiner ironischer Grundton, der das Bitterernste dieser Ängste auch wieder bricht und relativiert.

Und die sieben Schauspieler, sechs Männer und die Schauspielerin Anne Rieckhof – die halten das durch: Fast zweieinhalb Stunden dauerte die Premiere, zweieinhalb intensive Stunden, die eine große Herausforderung ans Konzentrationsvermögen der Zuschauer ist. Aber dem Ensemble gelingt es, die Spannung und Intensität zu halten. Das ist wirklich toll.

Was hat Kafka mit uns heute zu tun?

Kafkas Haus im Saarländischen Staatstheater (Foto: Martin Kaufhold/Saarländisches Staatstheater)

Ja man kann natürlich den Abend als Seelenschau des Schriftstellers Franz Kafka sehen. Aber die Atmosphäre, die diese Inszenierung entfaltet, die ist uns heute doch gar nicht so fremd: Diese angstbesetzte Welt, in der Realität und Wahn nicht mehr zu unterscheiden sind: die kommt der gegenwärtigen Stimmung heute doch verdammt nahe, wenn wir an Fake News, Verschwörungstheorien im Netz oder angstbesetzte rassistische Feindbilder denken. Mit Kafkas Haus portraitiert Regisseurin Laura Linnenbaum also weit mehr als das Seelenleben eines Künstlers. Man könnte ja vielleicht auch fragen: Wie weit sind wir längst nicht alle ein bisschen "K."?

Wieviel Kafka-Verständnis muss man denn mitbringen, um dem Abend überhaupt folgen zu können?

Man muss die Texte gar nicht gelesen haben, aber man braucht schon eine gehörige Portion Konzentration, um diesem Szenen- und Bilderlabyrinth folgen zu können. Ausgeruht sollte man schon in diese Vorstellung gehen.

Und was ist dein Fazit?

Ich finde das ist eine anspruchsvolle, dichte und wirklich herausragende Inszenierung, mit der man etwas anfangen kann, wenn man hin und wieder selbst von der Komplexität des eigenen Lebens vielleicht überrascht wird. Und die paranoide Grundstimmung, gepaart mit ironischem Selbstschutz, ich finde das trifft doch einen geradezu kafkaesken Nerv unserer Mediengesellschaft


Veranstaltungstipp:

"Kafkas Haus"
Schauspiel nach Erzählungen von Franz Kafka

Regisseurin Laura Linnenbaum
Auf der Suche nach Orientierung in "Kafkas Haus"
Kurz vor der Premiere von "Kafkas Haus" am Saarländischen Staatstheater hat SR 2-Moderator Jochen Marmit mit der Regisseurin Laura Linnenbaum über ihre Sicht auf den "dunklen Hellseher" und ewigen Außenseiter aus Prag gesprochen.

Fassung und Regie:
Laura Linnenbaum

Ort:
Saarländischen Staatstheater,
Großes Haus

Dauer:
2 Stunden 15 Minuten

Besetzung:
Anne Rieckhof, Ali Berber, Sébastien Jacobi, Philipp Seidler, Gregor Trakis, Philipp Weigand, Raimund Widra

Die weiteren Termine:
Einführung je 30 Min vor Beginn
Mittwoch, 05. September 2018, 19:30 Uhr
Mittwoch, 19. September 2018, 19:30 Uhr
Freitag, 21. September 2018, 19:30 Uhr
Freitag, 28. September 2018, 19:30 Uhr
Dienstag, 16. Oktober 2018, 19:30 Uhr
Freitag, 26. Oktober 2018, 19:30 Uhr
Freitag, 16. Oktober 2018, 19:30 Uhr

Ein Thema in der Sendung "Canapé" vom 02.09.2018 auf SR 2 KulturRadio.

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