Laut, schrill, und ein bisschen anstrengend

Laut, schrill, und ein bisschen anstrengend

Die Band Pussy Riot war in Saarbrücken zu Gast

Kai Schmieding / Isabel Heine / Patrick Wiermer   18.07.2018 | 09:48 Uhr

Nach der Flitzer-Aktion während des Fußball-WM-Finales sind die Aktivistinnen der russischen Punkband "Pussy Riot" wieder in aller Munde. Am Dienstagabend hat die Band auf Einladung von Stadt und Stadtgalerie ihre Performance "Riot Days" in der Saarbrücker Garage präsentiert. SR 2-Reporterin Isabel Heine war dabei.

Kai Schmieding: Wie kann man sich einen Abend mit Pussy Riot vorstellen?

Isabel Heine: Ziemlich laut, schrill und ja - auch ein bisschen anstrengend. Aber sehr interessant und beeindruckend. Da stehen die vier Mitglieder von Pussy Riot auf der Bühne - sie tragen teilweise Sturmhauben, so wie man das von ihnen aus dem Fernsehen kennt. Und bei dieser speziellen Performance erzählen sie quasi die Geschichte der Gruppe. In dem Fall geht es um die Aktion der Punk-Band vor ungefähr sechs Jahren, als sie in Moskau in einer Kathedrale während eines Gottesdienstes eine Protest-Aktion gegen Putin durchgeführt haben.

Gruppe "Pussy Riot" in Saarbrücken
Audio [SR 2, Patrick Wiermer, 17.07.2018, Länge: 02:47 Min.]
Gruppe "Pussy Riot" in Saarbrücken
Vor ihrem Konzert waren die Aktivistinnen von Pussy Riot bei der Saarbrücker Oberbürgermeisterin Charlotte Britz, um sich in das Goldenen Buch der Stadt einzutragen. SR 2-Reporter Patrick Wiermer war dabei.

Kai Schmieding: Dafür ist die Gruppe ja auch bekannt geworden. Damals ist es ihnen gelungen, eine knappe Minute während des Gottesdienstes ein Punk-Konzert zu geben. Aber sie mussten dafür auch ins Gefängnis und ins Arbeitslager...

Isabel Heine: Davon erzählen die Aktivisten auch in einem Teil der Performance. Sie erzählen chronologisch von der Vorbereitung, von der Aktion in der Kirche, der Festnahme, der Haft und schließlich der Freilassung. Dabei bricht eine Flut an Text auf Russisch auf einen herein. Aber es gibt zum Glück eine Übersetzung, die auf die Bühnenrückwand projiziert wird, dazu noch Bilder und Videos. Aber es ist sehr schwierig, alles mitzulesen und zu sehen. Dazu läuft ziemlich laute, sehr geräuschhafte Musik.

Die Aktivistinnen erzählen, wie sie sich nach der Aktion versteckt hielten, dass sie ein Leben im Untergrund führten und jederzeit dachten, jetzt könnten sie festgenommen werden. Und man erfährt auch Details, wie sie für die Protest-Aktion in der Kirche die Gitarre hineingeschmuggelt hatten: Ein Aktivist, verkleidet als Tourist, hat sie in einem großen Reise-Rucksack versteckt.

Im Mittelpunkt steht die meiste Zeit Maria Alyochina, die nach der Aktion in der Kirche ins Arbeitslager kam. Sie berichtet, wie sie im Arbeitslager der Willkür der Wärter ausgesetzt war. Sie hätten immer etwas gefunden, um sie zu bestrafen und sie zum Beispiel in Einzelhaft zu stecken. Es erinnert wirklich an einen schlechten Film: meterhoher Schnee, eisige Kälte, schwere Arbeit, schreiende Wärter.

Kai Schmieding: Und das alles, wir wissen es seit gestern offiziell, hat Maria Alyochina zu unrecht ertragen müssen. Zumindest sieht es der Europäische Gerichtshof so. Die Aktivistinnen seien zu unrecht verurteilt worden. Russland muss eine Entschädigung zahlen...

Isabel Heine: Das war für die Aktivistinnen sicherlich eine Genugtuung. Aber trotzdem, die traumatische Erfahrung wird damit ja nicht ausgelöscht. Gestern Abend hat sich mir nochmal gezeigt, wie mutig diese Aktivistinnen sind. Was sie auf sich nehmen, ertragen, um für Frauenrechte, Rechte für Homosexuelle und einfach ein freies Russland einzutreten. Und auch die Besucher - es waren nicht besonders viele, etwa 150 bis 200 - waren beeindruckt. Man muss sich nur mal fragen, ob man selbst auch so mutig wäre. Aber für Pussy Riot ist Aufgeben gar keine Option. Sie beschließen die etwa einstündige Performance dann mit den Worten "Es gibt keine Freiheit, wenn man nicht dafür kämpft".

Über dieses Thema wurde in der Sendung "Der Morgen" vom 18.07.2018 auf SR 2 KulturRadio berichtet.

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