Kommentar: Grewenig und das große Rad der Industriekultur

Grewenig und das große Rad der Industriekultur

Kommentar

Barbara Grech   10.07.2018 | 06:00 Uhr

Der Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, Meinrad Maria Grewenig, hat kräftig gegen die Landesregierung ausgeteilt und seine Vorstellungen von einer lebendigen Industriekultur und einer interessanten Kulturszene ins Spiel gebracht, um den Kulturtourismus im Lande endlich anzukurbeln. Wie immer dreht Grewenig dabei am ganz großen Rad. Hat er recht? Oder positioniert er sich, um sich für die Verlängerung seines Vertrages als Generaldirektor des Weltkulturerbes, der im kommenden Jahr ausläuft, in Szene zu setzen? Barbara Grech kommentiert.

Barbara Grech (Foto: Pasquale D'Angiolillo)
SR 2-Kommentatorin Barbara Grech


Ja, er hat recht - der großspurige Meinrad Maria Grewenig - mit dem Elend, das in der Industriekultur und im Kulturtourismus im Saarland herrscht. Immer diese Kleingeistigkeit, diese armseelige Visionslosigkeit und dieses ewige Gejammer, das Saarland habe für solche Projekte kein Geld. Wenn man weiß, wieviel Geld in den letzten Jahren für allerlei Projektchen und Eintagsfliegen, gerade im Kulturbereich, in die Luft geblasen wurde, ohne jegliche Nachhaltigkeit und Nutzen, dann kann man Grewenig nur recht geben.

Dieses Geld, mal zusammengerechnet, hätte zweifelsohne der Grundstock sein können für einen Masterplan, für ein Gesamtkonzept in Sachen Industriekultur und den damit einhergehenden Kulturtourismus. Doch schaut man sich die Forderungen und Ideen des Meinrad Maria Grewenig einmal genauer an, dann kommt man dennoch ins Zweifeln. Nicht weil er am großen Rad dreht und zurecht fordert, dass neben dem Weltkulturerbe Völklinger Hütte zwei bis drei ähnliche Projekte in Sachen Industriekultur im Saarland gefördert werden müssten um mehr Besucher ins Land zu locken und dort auch für einige Tage zu halten.

Zeitpunkt des Grewenig'schen Getöses lässt stutzig werden

Es ist zum einen der Zeitpunkt des Grewenig'schen Getöses, welcher einen stutzig werden lässt. In den nächsten Wochen wird nämlich entschieden, ob der Vertrag von Grewenig, der im kommenden Jahr ausläuft, verlängert wird oder ob er - mit 65 Jahren durchaus berechtigt - in Rente geschickt und die Stelle neu ausgeschrieben wird. Letzteres will Grewenig verhindern und noch fünf Jahre dranhängen. Mit ihm, dem großen Zampanoo am Steuer, so die Botschaft, könnte ein Aufbruch im Kulturtourismus gelingen.

Sommerfestival kein Alleinstellungsmerkmal

Aber ist das tatsächlich so? Schaut man sich mal die Vorschläge an, die Grewenig so in den Ring schmeißt, tritt Ernüchterung ein. Er fordert ein oppulentes musikalisches Sommerfestival mit jeder Menge Opernstars. Das wäre "nice to have", aber ein Alleinstellungsmerkmal für das Kulturleben im Saarland wäre es nicht. Wir sind umzingelt von solchen Festivals: ob im Rheingau oder an der Mosel - um nur mal die in der Nachbarschaft zu nennen. Auch das Ruhrgebiet bietet in zahlreichen Festivals immer wieder Opern- und Musikerlebnisse in ehemaligen Zechen und Stahlwerken an.

Auch die Idee Opernaufführungen oder ähnliche Veranstaltungen im Weltkulturerbe stattfinden zu lassen ist nicht neu. Doch der Intendant des saarländischen Staatstheaters, Bodo Busse und seine Truppe, werden sich bedanken, wenn sie künftig in ihren wohlverdienten Sommerferien noch Aufführungen in der Völklinger Hütte runterschrubben müssen. Mal abgesehen davon, dass ich mich noch sehr gut daran erinnern kann, wie die damalige Intendantin Dagmar Schlingmann gejammert und gezetert hat, als sie ihren Rigoletto in der Gebläsehalle inszeniert hat. Sie beklagte die schlechte Zusammenarbeit mit dem Weltkulturerbe und astronomischen Summen, die Grewenig als Miete für die Aufführungen vom Staatstheater anfänglich verlangt hat.

Weiterentwicklung der Industriekultur erstaunlich wenig thematisiert

Womit wir bei einem weiteren Knackpunkt der Ausführungen Grewenigs wären. Erstaunlich wenig thematisiert er die Weiterentwicklung der Industriekultur. Und das, obwohl dies die wirklich wichtigste Aufgabe der Kulturpolitik der nächsten Jahre wäre. Nur wenn die Premium-Standorte, wie beispielsweise Velsen oder Luisenthal, aber auch die bisherigen Industriekulturstandorte Reden und Göttelborn mit dem Weltkulturerbe vernetzt, restauriert und vor allem bespielt werden, kann eine Industriekultur mit Strahlkraft nach Aussen hier im Saarland entstehen.

Wenn die Museen, wie beispielsweise das historische Museum Saar, mit dem Weltkulturerbe endlich zusammenarbeiten und gemeinsame Ausstellungsprojekte entwickeln würden, könnten Austellungen zum Thema Industriekultur entwickelt werden, die tatsächlich einzigartig wären und für Zugkraft sorgen könnten. Wie beispielsweise die Gründerzeit. Für das Saarland eine unendlich wichtige Epoche, bis heute nicht aufgearbeitet.

Das Dilemma

Doch dafür müsste Grewenig kooperieren und vor allem endlich mal inhaltlich ausgegorene, intelligente Konzepte vorlegen. Das ist seine Stärke nicht. Und fähige Köpfe unter oder gar neben sich, lässt Grewenig nicht zu. Das ist das Dilemma. Ein Dilemma auch deswegen, weil es keinen einzigen Politiker im Saarland gibt, egal welcher Couleur, der sich mit der Industriekultur auskennt oder ein Konzept hat. Darin inbegriffen auch der jetzige Kulturminister Ulrich Commerçon. Der redet seit Monaten von Leitlinien und einem Gesamtkonzept der Industriekultur, das bis heute noch keiner gesehen hat. Ja, wir brauchen Lautsprecher wie Meinrad Maria Grewenig, wenn es um die Kultur und um den Kulturtourismus geht. Ob wir allerdings tatsächlich ihn brauchen, darf in Frage gestellt werden.

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Meinrad Maria Grewenig, Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, geht in die Offensive. Das Saarland sei in Sachen Tourismus und Kultur zu träge und es würde im Land eine große "Das war schon immer so"-Mentalität herrschen. Wenn man Erfolg in Sachen Kulturtourismus haben wolle, müsse man groß denken und richtig Geld in die Hand nehmen. Starke Worte des Kulturmanagers - doch was ist davon zu halten? SR 3-Kulturreporterin Barbara Grech gibt im Studiogespräch eine Einschätzung.


Hintergrund:

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Der Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, Meinrad Maria Grewenig, hat an Politik und Kulturinstitutionen appelliert, das touristische Potenzial des Saarlandes besser auszuschöpfen. Er sagte der SZ, nötig wären weitere Projekte mit der Anziehungskraft der Hütte.

Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" am 10.07.2018 auf SR 2 KulturRadio.

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