Warum ist die Bereitschaft zur Organspende so gering?

Warum ist die Bereitschaft zur Organspende so gering?

Ein Interview mit Prof. Urban Sester von der Uniklinik in Homburg

Sabine Ertz / Onlinefassung: Martin Breher   18.04.2018 | 11:00 Uhr

Prof. Urban Sester ist Transplantationsmediziner am Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg und erklärt im SR 2-Interview, wann Organe gespendet werden können, nach welchen Kriterien die gespendeten Organe an Wartende vergeben werden und was man in Deutschland tun könnte, um die Bereitschaft zur Organspende zu vergrößern.

Rund 800 Menschen haben im Jahr 2017 in Deutschland nach ihrem Tod ihre Organe gespendet. Dagegen standen aber 10.000 Menschen auf der Warteliste für Spenderorgane - eine beachtliche Diskrepanz.

Prof. Urban Sester von der Uniklinik Homburg (Foto: Uniklinik Homburg/Koop)
Prof. Urban Sester von der Uniklinik Homburg

Das Problem der fehlenden Spender liege zum einen an der mangelnden Spendenbereitschaft, aber auch an anderen Gründen, wie etwa daran, dass die Organspende in Patientenverfügungen oft nicht explizit erwähnt werde, so Prof. Urban Sester, Leiter des Transplantationszentrums der Universität des Saarlandes in Homburg im SR 2-Interview mit Sabine Ertz. Die fehlende Bereitschaft, Organe zu spenden, führt Sester auch auf die fehlenden "Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit" zurück, da das Thema in vielen Familien nicht diskutiert werde.

Organspende ohne Ausweis möglich

Wenn ein Patient als Organspender in Frage käme, aber keinen Organspendeausweis ausgefüllt habe, müsse die Familie nach dem "mutmaßlichen Willen des Verstorbenen" entscheiden. Das sei besonders schwierig, wenn man zu Lebzeiten noch nie über das Thema gesprochen habe, erklärt Sester. Deshalb rät er, in der Familie über das Thema zu sprechen.

Widerspruchsregelung würde helfen

In anderen Länder, etwa in Österreich, gelte die Widerspruchsregelung. Diese besage, dass jeder Patient nach seinem Tod als potenzieller Organspender in Frage komme, solange er nicht zu Lebzeiten Widerspruch eingelegt habe. Prof. Sester hält diese Regelung für sinnvoller, sieht sich aber auch befangen durch seinen Beruf als Transplantationsmediziner. Er begrüße jedoch, dass das Thema in der Allgemeinheit nun wieder intensiver diskutiert werde.

Wann können Organe entnommen werden?

Um Organe zu spenden, müsse die Gehirnfunktion eines Patienten "irreversibel geschädigt" sein, erklärte Sester. Erst wenn erfahrene Ärzte, darunter ein Neurologe, per Diagnose den Tod des Patienten festgestellt hätten, könnten die Organe des Patienten entnommen werden – vorausgesetzt, der Tote habe dazu seine Einwilligung gegeben - oder eben die Hinterbliebenen im Sinne des Toten.

Wie werden Spenderorgane verteilt?

An wen die gespendeten Organe vergeben würden, werde durch ein Punktesystem geregelt, erläuterte Sester. Dadurch, dass die Ischämiezeit - also jene Zeit, in der die Organe nicht durchblutet würden - möglichst kurz gehalten werden müsse – nämlich je nach Organ vier, sechs oder 24 Stunden - spiele bei der Vergabe auch die regionale Nähe eine Rolle. Aber auch die Dringlichkeit für ein Spenderorgan werde in dem Punktesystem berücksichtigt.


Organspende in Europa:

Kontinent vom 17. April
Organspende in Deutschland und Europa
Die Bereitschaft zur Organspende ist in Deutschland auf Rekordtief. Was kann man dagegen tun und wie ist die Situation in anderen europäischen Ländern? Unser Schwerpunkt im SR 2-Europamagazin "Kontinent" vom 17. April.

Über dieses Thema wurde in der Sendung "Kontinent" vom 17.04.2018 auf SR 2 KulturRadio berichtet.


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