"Europa hat sich immer nur durch Krisen weiterentwickelt"

"Europa hat sich immer nur durch Krisen weiterentwickelt"

Ein Interview mit dem Autor Robert Menasse ("Die Hauptstadt")

Steffen Kolodziej / Onlinefassung: Martin Breher   07.03.2018 | 16:39 Uhr

Die Idee eines überstaatlichen Europas liegt dem Autor Robert Menasse besonders am Herzen. Für seinen mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman "Die Hauptstadt" hat er über einige Jahre in den eurpäischen Institutionen in Brüssel recherchiert, wie er im SR 2-Interview erläutert, und das sei einfacher als gedacht gewesen. Am Freitag liest Menasse in Saarbrücken aus seinem Roman.

"Ich habe einfach den Wunsch gehabt und das Bedürfnis, zu verstehen, was da genau geschieht in Brüssel, in diesen europäischen Institutionen", so beschreibt der Autor Robert Menasse die Ausgangssituation, die ihn darauf gebracht hat, den Roman "Die Hauptstadt" zu schreiben.

Das Buch wird gerühmt als erster Roman über die EU. Menasse gelingt es darin, hinter die Kulissen der Europäischen Kommission zu blicken und gleichzeitig die Geschichte und die Lebenswirklichkeit der Europäer packend und auch nicht ohne eine gewisse Komik zu erzählen. Für "Die Hauptstadt" erhielt der österreichische Schriftsteller 2017 den Deutschen Buchpreis.

Die EU als Chiffre

"Brüssel oder EU - als Chiffre für das gemeinsame Europa scheint das ein ungeheures Abstraktum", meint Menasse. Er wollte genauer wissen, wie die Institutionen funktionieren, in denen die "Rahmenbedingungen für den ganzen Kontinent gemacht werden". Im SR 2-Interview erklärt er, dass er "dem Abstraktum ein Gesicht geben" wollte.

Robert Menasse (Foto: dpa)

Die oft kritisierte Intransparenz der europäischen Gremien sei allerdings nur ein Vorurteil, glaubt der Autor: "Wenn man nicht hinschaut, darf man nicht sagen, dort wo ich nicht hinschaue, dort gibt es keine Transparenz". Für seine Recherchen habe er sich eine Wohnung in Brüssel gemietet und sich vorgenommen: "Ich geh jetzt in diese Institutionen rein und schau mir an, was die machen. Und das war ganz einfach. Das waren offene, transparente Institutionen." Vor allem in der europäischen Kommission sei er bei den Recherchen zu "Die Hauptstadt" mit sehr vielen Menschen ins Gespräch gekommen.

Die Krisen als Chance

Seit Beginn seiner Recherchen im Jahr 2010, also in dem Jahr, als die Haushaltskrise in Griechenland begann, hätten sich "die Krisen in Europa akkumuliert": Euro-Krise, die Nationalisierungstendenzen, bis hin zum Brexit. Nun könne man nur hoffen, "dass die Krisen so stark werden, dass bei Gefahr des sonstigen Untergangs, endlich Beschlüsse gefasst werden, die schon die längste Zeit notwendig sind". Denn Menasse bilanziert: "Europa hat sich immer nur durch Krisen weiterentwickelt". Ob ein Buch in dieser Situation helfen kann? "Das weiß ich nicht", sagt Menasse.


Veranstaltungstipp:

Freitag, 9. März 2018, 19.00 Uhr, Saarbrücken
Robert Menasse liest aus: "Die Hauptstadt"
Robert Menasse, geboren 1954 in Wien, ist Autor zahlreicher Romane, Erzählungen und Essays. Für seinen Roman "Die Hauptstadt" ist er 2017 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. Er liest daraus am Freitag, 9. März, im Konferenzsaal des Funkhaus Halberg in Saarbrücken.

Hörbuchtipp:

Der SR 2-HörbuchTipp
"Die Hauptstadt" von Robert Menasse
Der Österreicher Robert Menasse hat in diesem Herbst den Deutschen Buchpreis 2017 für seinen Roman "Die Hauptstadt" erhalten. Nun ist der Roman als ungekürzte Lesung erschienen. Der HörbuchTipp in der SR 2-BücherLese vom 13. Dezember.

Über dieses Thema wurde in der Sendung "Der Nachmittag" vom 07.03.2018 auf SR 2 KulturRadio berichtet.

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