"Ruhe bewahren" trotz steigender Inflation

"Ruhe bewahren" trotz steigender Inflation

Interview mit Prof. Dr. Kerstin Bernoth vom DIW

Jochen Marmit, Onlinefassung: Lisa König   05.01.2022 | 09:00 Uhr

Sie ist ein deutsches Schreckgespenst: die Inflation! Momentan ist sie hoch, die Erzeugerpreise auch. Manche Expertinnen und Experten befürchten ein anhaltendes "inflationäres Regime". Prof. Dr. Kerstin Bernoth, stellvertretende Leiterin der Abteilung Makroökonomie und Vize-Dekanin des Graduate Center am DIW Berlin, erklärt im Interview, warum sie anderer Meinung ist.

Nachdem wir in Deutschland in den letzten Jahren eine zu geringe Inflation hatten, ist sie nun historisch hoch. Im November 2021 kosteten Waren und Dienstleistungen 5,2 Prozent mehr als vor einem Jahr - seit fast drei Jahrzehnten gab es nicht mehr so einen hohen Preisanstieg. Prof. Dr. Kerstin Bernoth, stellvertretende Leiterin der Abteilung Makroökonomie und Vize-Dekanin des Graduate Center am DIW Berlin, sieht den Grund vor allem in temporären Faktoren.

Durch die Einschränkungen zur Bekämpfung der Pandemie seien die Preise im letzten Jahr eher gesunken oder hätten stagniert. Dadurch, dass sich die Preise jetzt langsam erholen, gäbe es rein statistisch schon einen Preissprung im Vergleich zum letzten Jahr. Gleichzeitig würden Lieferengpässe, Rohstoffmangel und die Versuche, Verluste aus dem letzten Jahr auszugleichen, die Preise zusätzlich erhöhen. Und nicht zuletzt sei auch die Güternachfrage hoch, weil viele Haushalte in der Pandemie enorm gespart hätten.

Verschiedene Zukunfts-Szenarien

Doch es gibt auch andere Faktoren, die die Inflation in Zukunft weiter vorantreiben könnten. Dazu zählen die steigenden Energiepreise und die Möglichkeit einer sogenannten "Lohn-Preis-Spirale". Deshalb ist es laut Bernoth schwer, eine Prognose über die weitere Entwicklung abzugeben. Die Europäische Zentralbank bereite sich auf verschiedene Szenarien vor und müsse die Risiken im Auge behalten.

Eine so fatale Inflation, wie sie aktuell in der Türkei stattfindet, drohe uns aus Bernoths Sicht aber nicht. Die Situation habe sich vor allem durch eine jahrelange falsche Wirtschaftspolitik des Präsidenten Erdoğan so entwickelt. Der wichtigste Tipp, den sie Kleinsparerinnen und Kleinsparern geben kann: Ruhe bewahren. Aus ihrer Sicht sprechen viele Gründe dafür, dass die Inflation schon im ersten Halbjahr 2022 wieder rückläufig sein wird.

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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" am 05.01.2022 auf SR 2 KulturRadio.

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