Dr. Michael Kuderna im Interview über sein neues Buch "Grenzüberschreitungen"

Die Aufarbeitung von Hitler-Bildern in Kirchen

Dr. Michael Kuderna im Interview über sein neues Buch

Sally-Charell Delin, Onlinefassung: Lisa König   03.01.2022 | 16:30 Uhr

Hitlers Ideologien passen mit den heutigen Überzeugungen des Christentums überhaupt nicht zusammen. Trotzdem finden sich in einigen Kirchen noch immer Abbildungen des Diktators. Meist ist er als Folterknecht oder Verbrecher zu sehen, doch nicht alle Darstellungen sind negativ. Dr. Michael Kuderna, Historiker und ehemaliger leitender Redakteur beim SR, hat dazu für sein neues Buch recherchiert.

Hitler als Motiv in einem Kirchenfenster: Was im ersten Moment total absurd klingt, ist gar nicht so abwegig. Auch heute noch sind Bilder des Diktators in einigen Kirchen zu finden. Er ist dort unter anderem als Teufel oder Folterknecht dargestellt. Dr. Michael Kuderna ist Historiker und war viele Jahre lang leitender Redakteur beim Saarländischen Rundfunk. Für sein Buch „Grenzüberschreitung: Ein deutsch-französischer Architekt, sein Meisterwerk und Hitler-Bilder in Kirchen" hat er sich im deutschsprachigen Raum auf die Suche nach solchen Abbildungen gemacht.

Ausgangspunkt für Kudernas Recherchen war der Besuch einer Kirche in dem kleinen, französischen Dorf Vasperviller. Neben der Architektur und Geschichte dieses Bauwerkes fiel ihm ein Glasfenster besonders auf: Darauf war Hitler als heidnisches Idol dargestellt. Aus Zeitgründen hat er das Thema damals nicht weiter verfolgt. Erst vor vier Jahren, als Kuderna in Rente gegangen ist, beschloss er, im deutschsprachigen Raum nach weiteren kirchlichen Darstellungen von Hitler zu suchen.

Bilder aus der NS-Zeit zwischen Anpassung und Widerstand

Insgesamt ist Kuderna dabei auf 15 Darstellungen gestoßen, die sehr wahrscheinlich Hitler darstellen sollen. Dabei muss es seiner Meinung nach eine klare Unterscheidung zwischen den Bildern vor und nach 1945 geben. Die fünf Darstellungen, die vor 1945 entstanden, sind aus seiner Sicht die interessantesten. Hier zeigen sich sehr unterschiedliche Motive: Einige von ihnen sind heutzutage problematisch, denn sie zeigen ein angepasstes Bild vom damaligen Führer. Bei anderen Darstellungen ist die Intention des Künstlers nicht eindeutig interpretierbar. Aber es gibt auch zwei Bilder, die Hitler schon während des NS-Regimes als teuflischen Verführer oder Verbrecher am Kreuz darstellen und so ein Zeichen des Widerstandes sind.

Bei den Bildern nach 1945 ist es weniger überraschend, dass sie Hitler negativ darstellen. Hier ist er meist als Folterknecht oder Insasse der Hölle zu sehen. Deutlich wird laut Kuderna außerdem: Je mehr Zeit zwischen dem Ende der NS-Zeit und dem Design der Kirchenfenster vergangen ist, desto weniger trete Hitler in den Vordergrund. Er werde eher als ein Bösewicht von vielen in einer größeren Menge dargestellt. In dem neuesten Bild, das erst drei Jahre alt ist, ist neben ihm auch Donald Trump zu sehen.

Umgang mit den Bildern heutzutage aus mehreren Gründen schwierig

Regional zeigen sich einige Unterschiede: Die meisten Bilder tauchten in katholischen Kirchen im Rheinland oder Süddeutschland auf. Das liege laut Dr. Kuderna daran, dass Kirchenbilder hier traditionell eine wichtigere Rolle gespielt haben. Die problematischen Darstellungen, auf die er gestoßen ist, stammten aus evangelischen Kirchen. Als Grund dafür sieht er die Glaubensbewegung der sogenannten "Deutschen Christen", die vor 1945 das Christentum mit Teilen der NS-Ideologie zusammenbringen wollten.

Die meisten Kirchen, in denen er auf Hitler-Bilder gestoßen ist, versuchen sich aus seiner Sicht ernsthaft mit den schwierigen Bildern auseinanderzusetzen. Dabei begegnen ihnen aber laut Kuderna drei Probleme aus verschiedenen Richtungen: Zum einen würde der Denkmalschutz oftmals verbieten, Änderungen an der Kirche vorzunehmen, weil sie als Zeugnisse der Zeit gelten. Gleichzeitig machten Skandalisierungsversuche die Aufarbeitung schwer. Das findet Dr. Kuderna besonders bei den negativen Darstellungen von Hitler unverständlich und zeige aus seiner Sicht, "dass mit der Vergangenheitsbewältigung bei uns noch nicht alles so weit gediehen war, wie wir es uns wünschen würden." Gleichzeitig würden die Bildnisse in seltenen Fällen von Neonazis als Pilgerorte angesehen, selbst, wenn Hitler dort als Folterknecht dargestellt wurde.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 03.01.2022 auf SR 2 KulturRadio.

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