emeritierter Papst Benedikt XVI (Foto: Michael Kappeler)

Papst Benedikt XVI wurde 95

Ein Geburtstagsporträt

Jörg Seisselberg   16.04.2022 | 13:40 Uhr

Joseph Ratzinger aus dem bayerischen Marktl am Inn schrieb Kirchengeschichte: Er leitete fast acht Jahre lang als Papst Benedikt XVI. die Katholische Kirche. Damit war er der erste deutsche Pontifex nach 482 Jahren. Am 16. April wurde er 95 Jahre alt.

Abgeschirmt von der Öffentlichkeit lebt Joseph Ratzinger seit neun Jahren im Kloster Mater Ecclesiae in den Grünanlagen des Vatikan. Interviews gibt er seit langem nicht, nur selten empfängt der emeritierte Papst Besuch.

Geistig noch voll auf der Höhe

Gelegentlich schauen alte Vertraute vorbei. Sein ehemaliger Sprecher, Pater Lombardi sagt, Benedikt sei trotz seines hohen Alters geistig noch voll auf der Höhe. "Er ist absolut klar im Geist." Er habe zwar Schwierigkeiten beim Gehen und auch eine schwache Stimme, aber er drücke sich perfekt aus.

Er sei, sagt Lombardi, beeindruckt gewesen, wie Benedikt beispielsweise vor kurzem eine Stunde lang mit Preisträgern des Joseph-Ratzinger-Preises über anspruchsvolle philosophische und theologische Fragen diskutiert habe. "Ich habe wirklich den Eindruck einer Person, die absolut bewusst und klar sein hohes Alter lebt im Gebet und im Nachdenken."


Papst Benedikt XVI wurde 95
Audio [SR 2, Jörg Seisselberg, 16.04.2022, Länge: 03:28 Min.]
Papst Benedikt XVI wurde 95


Missbrauchsskandal lastet nach

Für Benedikt war es ein Geburtstag in schwierigen Zeiten. Die Schatten der Vorwürfe gegen ihn im Zusammenhang mit dem Münchner Missbrauchsgutachten sind nicht verzogen. Theologieprofessor Michael Seewald von der Universität Münster meint sogar, das Bild von Papst Benedikt sei durch sein Handeln im Kontext der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in München und Freising für die Nachwelt nachhaltig beschädigt.

Die Gutachter in München hatten Benedikt vorgehalten, über eine Sitzung, in der es um einen Missbrauchstäter ging, die Unwahrheit gesagt zu haben. Der emeritierte Papst räumte zwar den Fehler in seiner Aussage ein, sein Privatsekretär Gänswein aber begründete ihn mit einem "Versehen in der redaktionellen Bearbeitung". Die Opfer sexueller Gewalt bat Benedikt in seiner Stellungnahme um Entschuldigung. Er vermied allerdings ein Eingeständnis persönlichen Fehlverhaltens.

Freunde verteidigen ihn

Für Theologieprofessor Seewald ist dadurch in der Öffentlichkeit der Eindruck entstanden, als ob etwas vertuscht werde und Verantwortlichkeiten nicht benannt und nicht eingestanden würden.

Seine Freunde und Unterstützer dagegen verteidigen Joseph Ratzinger und erinnern daran, dass Benedikt vor mehr als zehn Jahren der erste Papst war, der sich mit Missbrauchsopfern getroffen und in der katholischen Kirche Schritte zur Aufarbeitung eingeleitet hat.

Zuneigung nach wie vor groß

Im Übrigen, meint sein ehemaliger Sprecher, Pater Lombardi, werde Benedikt in seiner Heimat strenger beurteilt als anderswo. In vielen anderen Teilen der Welt seien die Zuneigung und Wertschätzung nach wie vor sehr groß.


Ein Thema der Sendung "Langer Samstag" am 16.04.2022 auf SR 2 KulturRadio. Das Foto ganz oben zeigt Joseph Ratzinger (Bildquelle: dpa / Michael Kappeler).

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