Das Kirchenmobil im Ahrtal: "Die Not wird nicht geringer"

"Die Not wird nicht geringer"

Eine Kurzreportage über das Völklinger Kirchenmobil in Bad Neuenahr

Oliver Buchholz   26.10.2021 | 13:30 Uhr

Aus Völklingen macht sich seit Monaten einmal pro Woche ein Kleintransporter auf den Weg ins Krisengebiet Ahrtal: das Kirchenmobil. "Das Wichtige ist die Zeit, die wir schenken", sagt Diakon Christoph Storb.

Seit Mitte Juli ist im Ahrtal nichts mehr wie es war: Die Flut hat Menschen getötet, Häuser zerstört, Autos weggespült, Orte komplett in Schutt und Asche gelegt. Was jetzt gebraucht wird, sind zum einen Heizungen für den Winter, aber auch Gesprächsangebote, nette Worte und Seelsorge.

Aus dem Saarland macht sich einmal pro Woche so ein Angebot auf den Weg: Das Kirchenmobil aus Völklingen. "Das Wichtige ist die Zeit, die wir schenken", bestätigte Diakon Christoph Storb bei seinem Einsatz in Bad Neuenahr.

Ein Tag vor Ort

Neben dem Verkaufswagen des Metzgers und vor der Rosenkranzkirche in Bad Neuenahr steht ein weißer Transporter. Die Markise ist ausgefahren, zwei Campingstühle stehen darunter und auf den Tischen stehen zwei volle Obstkörbe, den dritten hält gerade Christoph Storb in der Hand und geht auf eine ältere Dame zu: "Ich habe eine Stärkung für Sie". Ein wenig unsicher greift die Frau zu einer Banane. "Einfach so?", fragt sie. Ja, denn der Diakon aus dem Dekanat Völklingen und sein Team von "kirche:mobil!" sind zwar von der katholischen Kirche, aber sie sind nicht hier, um Menschen im allgemeinen Verständnis zu missionieren. Sie haben ein offenes Ohr oder wünschen einfach einen guten Tag. 200 Passanten werden sie an diesem Tag so begegnen.

Oder sie helfen der älteren Dame weiter, die den Mosesparkplatz sucht. Eine junge Frau kommt gerade aus einer Arztpraxis mit einer Diagnose, die sie noch nicht richtig einzuordnen weiß. Martina Zimmer, Pastoralreferentin im Dekanat Losheim-Wandern, Hans-Josef Puch, Diakon mit Zivilberuf in der Pfarreiengemeinschaft Schweich, und eben Christoph Storb hören mitfühlend zu.

"Ganz anders als Seelsorge daheim"

Aus diesen kurzen Moment können sich durchaus längere Gespräche ergeben, wissen die Team-Mitglieder, die rund um Christoph Storb in wechselnder Besetzung dabei sind. "Es ist ganz anders als Seelsorge daheim", sagt Storb. "Es ist drastischer und die Probleme existenzieller. Da gibt es die, die sich freuen, dass sie wieder Gas haben, aber dann haben sie keinen Installateur, der es einschließt." Das bedeutet im Umkehrschluss weiterhin kalt zu duschen.

Flutnacht beschäftigt immer noch

"Viele ältere Menschen sind nach Bad Neuenahr-Ahrweiler gezogen, weil zum Beispiel Einkaufsmöglichkeiten fußläufig zu erreichen waren. Jetzt funktionieren Aufzüge nicht, Geschäfte sind geschlossen und überall hört man Baulärm – alles ist zerstört", gibt Martina Zimmer einige Gesprächsthemen wieder. "Als Kirche haben wir die besondere Pflicht, auf die Menschen zu achten, die nicht so hinterher kommen, die beispielsweise kein Internet oder Smartphone haben", so Storb. "Und immer wieder ist die Flutnacht Thema", ergänzt Martina Zimmer. "Wenn die Menschen etwas Zeit haben, dann kommen die schmerzlichen Erinnerungen hoch", spricht Puch von seinen Erfahrungen während vergangener Einsätze im Ahrtal.

Das Engagement wird in den nächsten, kälteren Wochen fortgesetzt. "Die Not wird nicht geringer", weiß Storb. Im wöchentlichen Wechsel ist das Mobil an der Rosenkranzkirche oder am Bahnhof in Ahrweiler. Dort steht das Fahrzeug das nächste Mal am Freitag, 5. November.

Weitere Informationen: t1p.de/hochwasser-hilfe

Hintergrund

Bei kirche:mobil! handelt es sich um ein Projekt der katholischen Kirche im Dekanat Völklingen, das finanziell durch das Bistum Trier und die Bischof-Stein-Stiftung gefördert wird. Im Saarland steht das Mobil seit Anfang 2020 unter anderem auf Wochenmärkten oder an Spielplätzen. Es ist ausgestattet mit einer Kaffeemaschine, gemütlichen Sitzmöbeln und auch Spielen sowie Impulsen. Bei den Einsätzen an der Ahr gibt es zusätzlich noch Informationskärtchen mit Angeboten der katholischen und evangelischen Kirche sowie Impulse.


Mehr zum Thema im Archiv:

14. Oktober 2021: Drei Monate nach der Flutkatastrophe
Der Landkreis Ahrweiler zwischen Bangen und Hoffen
Rund drei Monate nach der Flutkatastrophe dauern die Aufräumarbeiten noch immer an. Die Menschen in der Region Ahrweiler sorgten sich vor dem Winter, vertrauten auf die baldige Auszahlung von Wiederaufbauhilfen und hofften auf weitere Hilfskräfte, so SWR-Reporter Johannes Baumert im SR-Interview.

Drei Monate nach der Flut: Wiederaufbau im Ahrtal dauert an
Audio [SR 1, (c) Jessica Ziegler, Aaron Klein, 14.10.2021, Länge: 02:09 Min.]
Drei Monate nach der Flut: Wiederaufbau im Ahrtal dauert an
SR-Reporter Aaron Klein, Freiwilliger des THW, berichtet über den aktuellen Wiederaufbau im Ahrtal.

Vier Wochen nach der Flutkatastrophe
Aufräumarbeiten dauern an
Rund vier Wochen nach dem verheerenden Hochwasser ist in der Region Ahrweiler noch immer nicht an den Wiederaufbau zu denken. Die Menschen vor Ort hätten mit vielfältigen Widrigkeiten zu kämpfen, meinte SWR-Reporter Johannes Baumert im SR-Interview.

Melanie Roßbach, Aktion Deutschland hilft
Freude über Rekord-Spendensumme
Die "Aktion Deutschland hilft" hatte Ende Juli fast 150 Millionen Euro für die Flutopferhilfe gesammelt - knapp die Hälfte davon kam über die ARD-Sondersendung "Wir halten zusammen" in den Topf. Wie hoch sind die Verwaltungskosten? Ein Interview mit "Aktion Deutschland hilft"-Vorstand Melanie Roßbach über die Verwendung der Gelder.

Herzenssache e.V.
Ihre Spende für die Hochwasseropfer
Auch die Kinderhilfsaktion von SR und SWR bittet um Ihre Hilfe. Unterstützen Sie die von der Hochwasserkatastrophe betroffene Kinder, Jugendliche und ihre Familien mit Ihrer Spende.


Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" und in "Der Nachmittag" am 26.10.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt das Kirchenmobil im Ahrtal (Foto: Oliver Buchholz).


Artikel mit anderen teilen

Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja