Einfach weiteratmen

Einfach weiteratmen

Ein Text zur Karwoche auf SR 2 KulturRadio

Dejan Vilov  

Die Konzentration auf sich selbst, Weiteratmen in der Hoffnung auf Besserung - vielleicht ist das manchmal wirklich das Einzige, was man tun kann, meint der evangelische Pfarrer Dejan Vilov in seinem fünften und letzten Gedanken zur Karwoche 2021.

Die Frau kämpft um ihr Leben. Nicht, weil sie einen Unfall hatte. Nicht, weil sie Krebs hat oder weil sie an Covid-19 erkrankt ist. Nein, sie hat den Lebensmut verloren. Die ganzen Probleme und Schwierigkeiten in ihrem Leben machen ihr so zu schaffen, dass keine Kraft mehr übrig zu sein scheint. Kraft, die die Frau zum Leben aber bräuchte. So erzählt in der fiktiven US-amerikanischen Krankenhausserie "Grey´s Anatomy" – aber so geschieht es immer und immer wieder auch im realen Leben.

Die Erfahrung, vor lauter Problemen nicht mehr weiter zu wissen, nicht mehr weiter zu können, ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Ein ganz altes Beispiel dafür ist Hiob aus dem Alten Testament. Sorgen, Fragen, Angst, Not, Leid und Trauer können einem buchstäblich den Atem rauben. Ein geliebter Mensch stirbt, die Partnerin trennt sich, man steht vor den Trümmern seiner wirtschaftlichen Existenz oder man weiß vor noch anderen Problemen nicht mehr weiter. Und man spürt die Kraft zum Weiterleben nicht mehr. Stattdessen fühlt man sich schwach und müde.

Die us-amerikanische Sängerin Ingrid Michaelson singt davon in ihrem Lied "Keep breathing" – Weiteratmen:

I want to change the world, bunt instead I sleep
I want to believe in more than you and me

Ich möchte die Welt verändern, aber stattdessen schlafe ich. Ich möchte an mehr glauben als an Dich und mich. Die fehlende Kraft führt bei der Sängerin dazu, dass sie sich abkapselt. Sie merkt noch, dass da ein Sturm kommt. Sie realisiert noch, dass Menschen um sie herum sterben – aber sie versucht, das auszublenden. Sie schließt – im übertragenen Sinn – die Jalousien.

The storm is coming, but I don´t mind
People are dying, I close my blinds
Alles, was ich weiß, ist, dass ich atme

Was beim ersten Hören vielleicht gefühlskalt, herzlos und egoistisch erscheint, ist für mich der einzige Weg, den die Sängerin noch sieht, mit dem fertig zu werden, was um sie herum passiert. Der einzige Weg, der für sie zu funktionieren scheint. Sie kapselt sich ab und: Atmet. Sie atmet weiter. Sie konzentriert sich voll auf diese Tätigkeit, die ja eigentlich automatisch passiert.

Ich verstehe das so, dass die Sängerin so schwach und verletzt ist, dass sie einfach zu mehr nicht fähig ist. Eine automatische Tätigkeit ist alles, was sie noch tun kann. Weiteratmen. Einfach weiteratmen. Bis der Schmerz nachlässt, bis die Wunden heilen, bis die Lösung für ein Problem gefunden ist. Einfach weiteratmen.

All that I know is that I´m breathing
All that we can do is keep breathing…..

Weiteratmen in der Hoffnung auf Besserung. Vielleicht ist das manchmal wirklich das Einzige, was man tun kann. Die Konzentration auf sich selbst. Nicht um andere für immer auszuklammern, sondern im Gegenteil: Um die Kraft zu sammeln, die es braucht, um sich irgendwann auch wieder um andere kümmern zu können.

(Dejan Vilov)


Pfarrer Dejan Vilov
Gedanken zur Karwoche 2021
SR 2 KulturRadio sendet in der Karwoche - mit Ausnahme des Karfreitags - täglich gegen 10.55 Uhr Gedanken über Leid, Schmerz und die Hoffnung auf Erlösung, angelehnt an Liedertexten der vergangenen Jahre. Die Texte stammen von dem evangelischen Pfarrer Dejan Vilov.


Ein Thema in der Sendung "Der Vormittag" am 03.04.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Archivbild ganz oben zeigt die Musikerin Ingrid Michaelson (Foto: picture-alliance/ dpa | Rainer Jensen).

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