Gedanken zur Karwoche: Fassade

Fassade

Ein Text zur Karwoche auf SR 2 KulturRadio

Dejan Vilov  

Wie wäre es, wenn wir bei den Menschen mal genauer hinschauten - bei Bekannten, Familie und Freunden. "Ich bin sicher, manches, was wir da präsentiert kriegen, ist nur Fassade", meint der evangelische Pfarrer Dejan Vilov in seinem vierten Gedanken zur Karwoche 2021.

Äußeres Erscheinungsbild, das über das eigentliche Wesen von jemandem nichts aussagt – so definiert der Duden den Begriff Fassade im übertragenen Gebrauch. Äußeres Erscheinungsbild, das über das eigentliche Wesen von jemandem nichts aussagt...

Was beim Duden so technisch-distanziert klingt, ist in Wahrheit sehr konkret. Und zwar bei jeder und jedem von uns, denke ich. Wir alle haben eine Fassade, eine äußere Schicht, die wir der Welt präsentieren. Und wir alle haben auch eine Schicht hinter dieser Fassade. Etwas, das wir der Welt da draußen nicht zeigen, sondern wenn überhaupt nur unseren engsten Vertrauten.

Und bei noch etwas bin ich mir sehr sicher: Die innere und die äußere Schicht – sie weichen oftmals stark voneinander ab. Die Fastenzeit, speziell die Karwoche, wird Jahr für Jahr von Menschen zum Anlass genommen, die eigene Fassade aufzubrechen. Ich möchte heute die Perspektive mal umdrehen. Nicht um die eigene Fassade soll es gehen, sondern um die der Menschen um uns herum. Um unseren Blick auf sie.

Die deutsche Band Ich und Ich hat diesem Thema ein eigenes Lied gewidmet. Es heißt "Stark" und beschreibt im Refrain, wie der Sänger von anderen gesehen wird:

Und du glaubst ich bin stark
Und ich kenn den Weg
Du bildest dir ein
Ich weiß, wie alles geht
Du denkst ich hab alles im Griff
Und kontrollier was geschieht
Aber ich steh nur hier oben
Und sing mein Lied


Das innere Bild des Sängers sieht – Sie ahnen es bereits – ganz anders aus. Er zieht nächtelang durch Bars, trinkt zuviel Alkohol und seine Wohnung müsste auch dringend mal wieder aufgeräumt werden. Außerdem ist er ungerecht zu Frauen, geht Problemen aus dem Weg und ist total verwirrt. Allerdings: In geselliger Runde ist er immer der, der am lautesten lacht.

"Der Mensch sieht, was vor Augen ist. Gott aber sieht das Herz an", heißt es im 1. Buch Samuel im Alten Testament. Klar, als Mensch kann ich eben nicht wie Gott hinter die Fassade meiner Mitmenschen gucken, aber: Auch als Mensch weiß ich, dass es hinter jeder Fassade noch etwas anderes gibt. Und ich finde, dass allein sollte schon Grund genug sein, sich nicht zu leicht von der Fassade blenden zu lassen, sondern mal genauer hinzugucken.

Der Sänger von Ich und Ich sehnt sich danach, sein Versteckspiel beenden zu können. Es ist anstrengend und kostet ihn noch zusätzliche Kraft. In der letzten Strophe des Liedes formuliert er seinen Wunsch:

Stell dich mit mir in die Sonne
Oder geh mit mir ein kleines Stück
Ich zeig dir meine Wahrheit
Für einen Augenblick
Ich frage mich genau wie du
Wo ist hier der Sinn
Mein Leben ist ein Chaos
Schau mal genauer hin

Wie wäre es, wenn wir diese letzten Worte zu beherzigen versuchen und mal genauer hinschauen. Bei Bekannten, Familie und Freunden. Ich bin sicher, manches, was wir da präsentiert kriegen, ist nur Fassade. Und manchmal sehnt sich die betreffende Person vielleicht danach, dass jemand mal dahinter blickt. Nicht nur jetzt in der Fastenzeit bzw. in der Karwoche, sondern auch darüber hinaus.

(Dejan Vilov)


Pfarrer Dejan Vilov
Gedanken zur Karwoche 2021
SR 2 KulturRadio sendet in der Karwoche - mit Ausnahme des Karfreitags - täglich gegen 10.55 Uhr Gedanken über Leid, Schmerz und die Hoffnung auf Erlösung, angelehnt an Liedertexten der vergangenen Jahre. Die Texte stammen von dem evangelischen Pfarrer Dejan Vilov.


Ein Thema in der Sendung "Der Vormittag" am 31.03.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Archivbild ganz oben zeigt die Musikerin Annette Humpe und den Rapper Adel Tawil von der Band "Ich und ich" (Foto: picture alliance / dpa | Jens Kalaene).

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