Gedanken zur Karwoche: Easy rider

Easy rider

Ein Text zur Karwoche auf SR 2 KulturRadio

Dejan Vilov  

Schmerz macht Angst. Ihn zu vermeiden oder ihm aus dem Weg zu gehen – das ist eine nur allzu verständliche Sehnsucht, doch letztlich wird dieses Ziel niemals vollständig erreicht werden, meint der evangelische Pfarrer Dejan Vilov in seinem dritten Gedanken zur Karwoche 2021.

Auch, wenn es sich so anhört: Was Sie hier hören, ist nicht im Mississippi-Delta entstanden – der Heimat des Akustik-Blues, sondern in Deutschland. Zumindest liegt hier der Ursprung dieses Liedes. Genauer: In einem Krankenhaus. Dort lag der britische Musiker Chris Rea Anfang dieses Jahrtausends und wurde wegen Bauchspeicheldrüsenkrebs behandelt.

In einer 14-stündigen OP wurden ihm dabei Teile des Magens entfernt. Als er im Anschluss an die OP noch wochenlang in seinem Krankenhausbett gelegen hat, ist ihm die Idee zu diesem Lied gekommen. Easy rider heißt es. Reas Spitzname für die Nachtschwester. Besonders nachts brauchte Rea morphiumhaltige Medikamente gegen seine Schmerzen. Er singt: Komm schon, easy rider, bring mir etwas gegen meine Schmerzen!

Well now, come on easy rider
give me something for my pain

Schmerz ist eine Grunderfahrung im Leben von uns Menschen. Egal, ob er körperlich ist oder seelisch oder ob beides zusammenkommt. Mancher ist noch relativ gut zu ertragen, mancher verlangt uns schon deutlich mehr ab und an manchem droht man sogar zu zerbrechen bzw. zu sterben.

Es gibt kein menschliches Leben, das keinen Schmerz kennt. Speziell jetzt in der Karwoche steht der Schmerz im Mittelpunkt. Der eigene und auch der von anderen. Das, was Jesus an Schmerz erlebt hat in diesen Tagen vor seinem Tod, steht auch symbolisch für das, was Menschen immer wieder erleben und erleiden müssen. Verleumdung, Verrat, Verurteilung, Verrecken – kein anderes Wort beschreibt den Tod am Kreuz treffender.

Schmerz macht Angst. Niemand möchte ihn erleben. Ihn zu vermeiden oder ihm aus dem Weg zu gehen – das ist eine nur allzu verständliche Sehnsucht, doch letztlich wird dieses Ziel niemals vollständig erreicht werden.  Entscheidend ist daher, wie wir mit dem Schmerz umgehen, wenn er da ist. Und noch schlimmer: Wenn er da ist und scheinbar nicht mehr gehen will. Der easy rider sollte ja nur kommen, wenn ein Arzt ihn geschickt hat.

The dogs are out to get me
and pull me down again

Aber was hilft gegen Schmerz, der so stark ist, dass es sich anfühlt als wären Höllenhunde hinter mir her und wollten mich zu Boden reißen? Hmm, vielleicht haben wir die Antwort bereits gehört. Wenn auch in anderem Sinn. Es ist der easy rider – diesmal allerdings nicht als Spitzname für die Nachtschwester, sondern als Bezeichnung für die Menschen um uns herum.

Familie, Bekannte, Freunde – sie alle können mir zum easy rider werden. Ich glaube, Gott hat sich schon was dabei gedacht, viele von uns Menschen zu machen. Damit eben niemand auf sich allein gestellt ist, sondern Hilfe bekommen kann, wenn er oder sie Hilfe braucht. Als Gesprächspartner. Schulter zum Anlehnen. Oder auch als jemand, der mir einen Tritt in den Allerwertesten gibt. Im positiven Sinn.

Ja, ich weiß, das reicht in vielen Fällen nicht aus. Manchmal braucht es dann eben doch den ärztlich verordneten easy rider. Aber auch der wirkt besser in Kombination mit all den anderen easy ridern. Das hat auch Chris Rea so erlebt. Vor allem die Gespräche mit einer Mitpatientin hätten ihm viel Kraft gegeben, so der Musiker. Sie war also im weiteren Sinne auch so eine Art easy rider für ihn.

(Dejan Vilov)


Pfarrer Dejan Vilov
Gedanken zur Karwoche 2021
SR 2 KulturRadio sendet in der Karwoche - mit Ausnahme des Karfreitags - täglich gegen 10.55 Uhr Gedanken über Leid, Schmerz und die Hoffnung auf Erlösung, angelehnt an Liedertexten der vergangenen Jahre. Die Texte stammen von dem evangelischen Pfarrer Dejan Vilov.


Ein Thema in der Sendung "Der Vormittag" am 31.03.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Archivbild ganz oben zeigt den Musiker Chris Rea (Foto: picture alliance/dpa | Holger Hollemann).

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