Gedanken zur Karwoche: Warum immer ich?

Warum immer ich?

Ein Text zur Karwoche auf SR 2 KulturRadio

Dejan Vilov  

Wie umgehen mit Leid? Für den evangelischen Pfarrer Dejan Vilov ist eine Möglichkeit, darüber zu singen. Oder allgemeiner gesagt: Den Schmerz, das Unverständnis, den Zorn über das Leid 'rauszulassen. So wie die schottische Band Travis.

Ich kann heute Nacht nicht schlafen.
Alle anderen sagen, dass alles in Ordnung ist
Und trotzdem kann ich meine Augen immer noch nicht schließen
Ich sehe einen Tunnel am Ende all dieser Lichter
Sonnige Tage – wo seid Ihr? Ich habe das komische Gefühl, ihr gehört doch dazu zum Leben.

Das, liebe Hörerinnen und Hörer, sage nicht ich, sondern Francis Healey. Genauer: Er singt diese Worte. Healey ist der Frontmann der schottischen Indie-Band TRAVIS, die 1999 ihren ersten Hit hatte mit dem Lied: Why does it always rain on me? Warum stehe ich immer im Regen? Aus diesem Lied stammen auch die eingangs zitierten Worte:

I can´t sleep tonight
Everybody saying everything is alright
Still I can´t close my eyes
I´m seeing a tunnel at the end of all these lights
Sunny days – where have you gone. I get the strangest feeling you belong

Wenn der Volksmund Recht hat und geteiltes Leid halbes Leid ist – heißt das dann im Umkehrschluss, dass nicht geteiltes Leid doppeltes Leid ist? Hmm, könnte sein, ich weiß es nicht. Aber ob nun einfach, doppelt, dreifach oder noch mehr – fest steht, dass Leid und Schmerz sich schon irgendwie schwerer anfühlen, wenn man den Eindruck hat, als einziger davon betroffen zu sein. Wenn alle um einen herum lachen, feiern, sich freuen oder sich zumindest irgendwie neutral verhalten, also keinen leidenden Eindruck machen – dann kommt einem das eigene Leid umso schlimmer vor. So, als ob es nur auf einen selbst regnet:

Why does it always rain on me?
Is it because I lied when I was seventeen?
Why does it always rain on me?
Even when the sun is shining
I can't avoid the lightning

Der Sänger sucht einen Grund für sein Leiden. Er fragt nach dem Warum? Und er stellt Vermutungen an: Vielleicht ist es ja deshalb, weil ich gelogen habe, damals, mit 17? Vielleicht kann ich deshalb nicht vermeiden, den Blitz zu sehen – auch, wenn die Sonne scheint.

Das, was der Sänger hier tut, haben Menschen auch vor weit über 2000 Jahren schon getan. Sie haben den Grund für eigenes Leiden in ihrem eigenen Verhalten gesucht. Im biblischen Buch Hiob z.B. kommt diese Denkweise immer wieder vor. Weil es Hiob schlecht geht, weil er so sehr leidet, sind seine Freunde davon überzeugt, dass er sich in der Vergangenheit falsch und böse verhalten haben muss. Die Freunde glauben, dass Hiobs Leid sozusagen die Strafe für seine Sünden ist.

Ob das wirklich so ist, darf bei Hiob zumindest bezweifelt werden. Die Bibel beschreibt ihn als einen gottesfürchtigen, frommen Mann. Spätestens bei Jesus Christus aber wird klar, dass die Denkweise der Freunde Hiobs so nicht stimmen kann – denn warum hätte sonst der einzige Mensch, der nicht gesündigt hat, am Kreuz sterben müssen?

Leid ist nicht das Ergebnis bzw. die Strafe für eigene Fehler bzw. Sünden. Leid ist etwas, das einfach zum Leben dazugehört. Alles, was auf dieser Welt existiert, ist unperfekt, ist fragmentarisch. Alles Leben auf dieser Welt muss sterben. Und das Leid ist ein Teil dieser unperfekten Welt, dieses fragmentarischen Lebens.

Wichtiger als die Frage, woher es kommt, ist für mich: Wie gehe ich mit dem Leid um? Eine Möglichkeit ist, es so zu machen wie Francis Healey mit seiner Band. Das heißt: Darüber zu singen. Oder allgemeiner gesagt: Den Schmerz, das Unverständnis, den Zorn über das Leid 'rauszulassen. Ihm ein Ventil zu verschaffen. Zum Beispiel dadurch, dass man über das Leid spricht. Mit der Familie, Freunden oder Bekannten. Oder – indem man darüber singt.

(Dejan Vilov)


Pfarrer Dejan Vilov
Gedanken zur Karwoche 2021
SR 2 KulturRadio sendet in der Karwoche - mit Ausnahme des Karfreitags - täglich gegen 10.55 Uhr Gedanken über Leid, Schmerz und die Hoffnung auf Erlösung, angelehnt an Liedertexten der vergangenen Jahre. Die Texte stammen von dem evangelischen Pfarrer Dejan Vilov.


Ein Thema in der Sendung "Der Vormittag" am 30.03.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Archivbild ganz oben zeigt ein Albumcover der Band Travis.

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