Gedanken zur Karwoche: Nur noch kurz die Welt retten

Nur noch kurz die Welt retten

Ein Text zur Karwoche auf SR 2 KulturRadio

Dejan Vilov  

"Setzen Sie die richtigen Prioritäten? Denken Sie mal drüber nach", mahnt der evangelische Pfarrer Dejan Vilov in seinem ersten Text zur Karwoche 2021: "Gerade jetzt, kurz vor Ostern. Es lohnt sich bestimmt."

Es ist rund zehn Jahre her: Drei Musiker sitzen zusammen und wollen ein Lied schreiben. Sie haben zwar noch keine Note und keinen Akkord dafür, aber einen Titel – den gibt es schon. Denn einer der drei Musiker hatte morgens die Idee: Wir müssten mal einen Song schreiben, der heißt "Nur noch kurz die Welt retten". Gesagt getan. Was am Ende dabei rausgekommen ist, klingt so:

Muss nur noch kurz die Welt retten
Danach flieg ich zu dir
Noch 148 Mails checken
Wer weiß was mir dann noch passiert
Denn es passiert so viel

Es wurde das Lied, dass den Berliner Sänger Tim Bendzko 2010 quasi über Nacht zum Popstar gemacht hat. Nur noch kurz die Welt retten – ironischerweise geht es im Text gerade nicht darum, dass die Welt gerettet wird. Eher um das Gegenteil. Darum, dass der Sänger soviel, im Grunde total Unwichtiges um die Ohren hat, dass das eigentliche Leben, die wichtigen Dinge an ihm vorbeirauschen. Und damit passt das Lied für mich sehr gut in die Fastenzeit.

Die Wochen vor Ostern sind eine Zeit, die zum Nachdenken anregen soll. Nicht zuletzt darüber, was wirklich wichtig ist. Auch, vielleicht vor allem, im ganz kleinen Rahmen. Nämlich dem des Persönlichen. Nachdenken zum Beispiel über das, womit man im Alltag so oft seine Zeit verplempert – manchmal auch dadurch, dass man sich selbst für viel zu wichtig hält und sich völlig überschätzt:

Die Zeit läuft mir davon zu warten wäre
Eine Schande für die ganze Weltbevölkerung.
Ich muss jetzt los sonst gibt's die große Katastrophe
Merkst du nicht das wir in Not sind

Hmmm, die Frage ist eher, was der Sänger nicht merkt: Laut seinem Text wartet da jemand auf ihn. Eine Person, die ihn braucht und die – so kann man wohl vermuten – auch er braucht. Eine Person, die mit ihm reden und etwas mit ihm unternehmen und erleben möchte. Alles Dinge, die der Sänger verpasst in seiner Überheblichkeit zu meinen, dass die ganze Welt nur auf ihn wartet und dass er es ist, der die Welt rettet – zum Beispiel dadurch, dass er 148 Mails checkt.

Höchste Zeit für den Sänger, dass er merkt, was da falsch läuft. Denn indem er das realisieren würde, wäre er näher dran am echten Leben. Dort, wo es wirklich spielt. Er kann die Welt gar nicht alleine retten. Aber das Gute ist: Das muss er ja auch nicht. Das hat Jesus Christus schon für ihn getan. Auch deshalb, damit sich der Sänger auf das konzentrieren kann, was Bedeutung hat. Oder wie Jesus es einmal ausgedrückt hat: Damit wir Menschen das Leben in seiner ganzen Fülle haben.

Allerdings kann niemand dem Sänger die Entscheidung abnehmen, wie er sein Leben leben möchte. Die Entscheidung kann er nur selbst treffen. Setzt er künftig andere Prioritäten oder bleibt er in den alten gefangen und sagt auch künftig:

Muss nur noch kurz die Welt retten
Danach flieg ich zu dir
Noch 148713 (Hundertachtundvierzigtausendsiebenhundertdreizehn) Mails checken
Wer weiß was mir dann noch passiert
Denn es passiert so viel
Muss nur noch kurz die Welt retten
Und gleich danach bin ich wieder bei dir

Wie ist das bei Ihnen? Wann sind Sie wieder für die Personen da, die Sie brauchen? Setzen Sie die richtigen Prioritäten? Denken Sie mal drüber nach. Gerade jetzt, kurz vor Ostern. Es lohnt sich bestimmt.

(Dejan Vilov)


Pfarrer Dejan Vilov
Gedanken zur Karwoche 2021
SR 2 KulturRadio sendet in der Karwoche - mit Ausnahme des Karfreitags - täglich gegen 10.55 Uhr Gedanken über Leid, Schmerz und die Hoffnung auf Erlösung, angelehnt an Liedertexten der vergangenen Jahre. Die Texte stammen von dem evangelischen Pfarrer Dejan Vilov.


Ein Thema in der Sendung "Der Vormittag" am 29.03.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Archivbild ganz oben zeigt den Berliner Sänger Tim Bendzko bein einem früheren Besuch auf dem Saarbrücker Halberg.

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