"Ich persönlich hätte mir mehr von diesem Papst erwartet"

"Ich persönlich hätte mir mehr von diesem Papst erwartet"

Ein Gespräch mit dem Mainzer Sozialethiker Prof. Gerhard Kruip über den zehnten Jahrestag der Reformforderungen gegenüber der katholischen Kirche

Jochen Erdmenger. Onlinefassung: Rick Reitler   04.02.2021 | 07:00 Uhr

Der Mainzer Sozialethiker Prof. Gerhard Kruip hat im SR-Interview ein durchwachsenes Fazit nach zehn Jahren Reformbemühungen in der katholischen Kirche gezogen: Einerseits sei schon sehr viel in Bewegung gekommen - andererseits aber müssten noch viele Widerstände überwunden werden. Besonders in Rom.

Am 4. Februar 2011, also genau vor zehn Jahren, hatte die Süddeutsche Zeitung unter der Überschrift "Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch" einen Text veröffentlicht, in dem 143 Theologinnen und Theologen umfassende Reformen in der katholischen Kirche forderten.

Auch im Interesse der Kirche

Es ging ihnen u. a. um Nulltoleranz für Missbrauch, Priesterweihe auch für Verheiratete und um einen anderen Umgang mit Homosexuellen. All das wurde angemahnt, damit auch die Kirche selbst nicht länger unter schwindender gesellschaftlicher Akzeptanz würde leiden müssen, wie der Mainzer Sozialethiker Prof. Gerhard Kruip im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Erdmenger erklärte. Er gehörte 2011 zu den Initiatoren des offenen Forderungstextes.

Bewegung ja, Widerstände auch

"Ich denke, dass schon sehr viel in Bewegung gekommen ist", resümierte Kruip zum zehnten Jahrestag. Immerhin könnten inzwischen viele Themen "ohne große Angst" auch innerhalb der katholischen Kirche diskutiert werden. Andererseits müssten noch viele Widerstände überwunden werden, um voranzukommen. "Ich persönlich hätte mir auch mehr von diesem Papst erwartet", sagte Kruip. Überhaupt seien gerade aus Rom noch immer viele Widerstände zu erwarten.

Kaum Ursachen-Aufarbeitung

Beim Dauer-Thema Missbrauch beunruhige ihn am meisten, dass "die dahinter liegenden, institutionellen, strukturellen, systemischen Ursachen nicht wirklich in Angriff genommen werden" - zum Beispiel "die Leibfeindlichkeit der kirchlichen Sexualmoral".

Mehr zum Thema:

Der Kommentar
Zehn Jahre nach dem "Aufbruch 2011"
Seit der Veröffentlichung des Memorandums "Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch" ist in Sachen Reformen in der katholischen Kirche nicht viel passiert - auch zum Schaden der Kirche selbst, meint Christian Otterbach. Ein Kommentar.


"Synodaler Weg" tagt

Am 4. und 5. Februar findet eine virtuelle Vollversammlung des "Synodalen Wegs" statt, dem Reform-Dialog zur Zukunft der Katholischen Kirche in Deutschland. Vier Arbeitsgruppen ("Foren") berichten dann über ihre Untersuchungen zum Thema Macht, priesterliches Leben, Sexualmoral und die Rolle der Frau. Überlagert wird die Tagung von den Auseinandersetzungen um eine Missbrauchsstudie im Erzbistum Köln, die auf Geheiß von Kardinal Woelki nicht veröffentlicht werden durfte.


Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 04.02.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt Papst Franziskus im Petersdom, der am 2. Februar 2021 zusammen mit Mitgliedern religiöser Institutionen eine Messe anlässlich des "Welttags des gottgeweihten Lebens" feiert (Foto: picture alliance/dpa/AP | Andrew Medichini).

Artikel mit anderen teilen

Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja