Kommentar: Zehn Jahre nach dem "Aufbruch 2011"

Zehn Jahre nach dem "Aufbruch 2011"

Ein Kommentar zu den Reform-Fortschritten der katholischen Kirche zehn Jahre nach Veröffentlichung des Memorandums "Ein notwendiger Aufbruch“ in der Süddeutschen Zeitung

Christian Otterbach   04.02.2021 | 08:00 Uhr

Vor genau zehn Jahren haben knapp 150 deutschsprachige Theologieprofessorinnen und -professoren ein Memorandum an die katholische Kirche veröffentlicht. In dem Papier mit dem Titel "Ein notwendiger Aufbruch“ meldeten sie dringenden Reformbedarf an. Doch passiert ist seitdem nicht viel. Auch zum Schaden der Kirche selbst, meint Christian Otterbach. Ein Kommentar.

Vor zehn Jahren hieß der Papst in Rom noch Benedikt und die katholische Kirche in Deutschland und weltweit sah sich massiver Kritik ausgesetzt: Grund war der Skandal um sexualisierte Gewalt an Kindern – vor allem durch Priester.

Eine Stimme von SR 2: Christian Otterbach (Foto: Pasquale D'Angiolillo)
Christian Otterbach (Foto: Pasquale D'Angiolillo)

So kann es doch nicht weiter gehen! Das dachten viele – bei weitem nicht nur die 144 deutschsprachigen Professorinnen und Professoren, die den Aufruf zuerst unterzeichnet hatten. Schnell müsse es jetzt gehen, radikal müsse der Umbau sein. Sonst verliere die katholische Kirche sehr viele Menschen.

Was ist passiert? Nicht viel. Und die Kirche hat viele Menschen verloren. Sie kehren ihr den Rücken. Beileibe nicht nur, um die Kirchensteuer zu sparen. Das ist nämlich eine gerne genutzte Selbsttäuschung - überzeugter Verfechter konservativer Kirchenbastionen. Stimmt aber nicht.

Es sind nicht nur Sparfüchse und Geizhälse, die die Kirche in den vergangenen zehn Jahren in Scharen verlassen haben. Es sind Menschen, die es nicht mehr verstehen. Warum nur tut sich die Kirche sich so schwer mit der Aufklärung des Missbrauchsskandals? Warum wird weiter geschwiegen, gezaudert und blockiert – wie augenscheinlich aktuell im Erzbistum Köln? Warum werden weiter Menschen von den Sakramenten ausgeschlossen, weil sie nach einer gescheiterten Ehe wieder geheiratet haben? Warum werden strukturelle Reformversuche wie die der Synode im Bistum Trier ausgebremst? Warum darf man über Zölibat und Diakonat der Frau noch nicht mal vernünftig und auf theologischer Grundlage diskutieren?

Zugegeben, Glaube und Kirche haben in den Jahrhunderten ihrer Existenz immer wieder gegen den Zeitgeist gestanden und damit auch nicht immer unrecht gehabt. Aber so groß wie jetzt war die Kluft zwischen der Institution und ihren Menschen dann doch selten.

Verstärkt durch die Einschränkungen der Corona-Pandemie gehen immer mehr wortwörtlich auf Abstand zu ihrer Kirche. Und zwar auch die, die eigentlich zur Kernkundschaft gehören. Das sollte den verantwortlichen Herren – ja, es sind nur Herren - ein Alarmsignal sein: Selbst die Treuen und Engagierten, die Ehrenamtlichen und Frommen sagen: "Es geht auch ohne euch und eure Vorstellung von Kirche! Mach euren Kram dann halt allein."

Das Memorandum ist vor zehn Jahren verpufft. Das Pontifikat von Papst Franziskus liefert auch nicht die Reformen, die mancher und manche sich versprochen und erhofft hatten. Der Vertrauensverlust der Gläubigen nagt hartnäckig an der Substanz der katholischen Kirche in Deutschland. Und statt sich auf den Satz eines gewissen Jesus von Nazareth zu stützen – "fürchtet euch nicht" und offen in die Welt zu gehen, verwickelt sich die katholische Kirche immer mehr in eine selbstzerstörerische Nabelschau.

Progressiv gegen konservativ, Laien gegen Klerus – das bringt nichts. Man wünscht sich statt fruchtloser Grabenkämpfe wieder mehr den Blick nach Außen, klare Worte und mutige Taten. Das wäre ein Hoffnungszeichen und sicher auch im Sinne der Initiatorinnen des Memorandums.

Und es geht doch auch: Anfang der Woche haben drei deutsche Bistümer ihre finanzielle Unterstützung für die Rettungsmission Sea Eye im Mittelmeer verlängert. Mit der klaren und eindeutigen Begründung "Wir können nicht tatenlos zusehen, wie quasi vor unserer Haustüre Menschen ertrinken". Geht doch.

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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 04.02.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganzh oben zeigt die Spitze eines Kirchturms (Archivfoto: SR Fernsehen).

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