Was geschah in Wehingen?

Was geschah in Wehingen?

Ein Gespräch mit SR-Reporter Patrick Wiermer über die "Gemeinde ohne Mauern" in Mettlach-Wehingen einige Monate nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle

Kai Schmieding, Patrick Wiermer. Onlinefassung: Rick Reitler   14.01.2021 | 08:45 Uhr

Nach dem Missbrauchsskandal rund um die freikirchliche "Gemeinde ohne Mauern" hat sich SR-Reporter Patrick Wiermer ausführlich mit dem Ort des Geschehens beschäftigt - dem saarländischen Dorf Wehingen. Die religiöse Gruppe um das Ehepaar Nigrini hatte wohl eine "Parallelwelt, ein Dorf im Dorf" geschaffen, so Wiermer im SR-Interview.

Das Ortsschild von Wehingen bei Mettlach (Foto: Patrick Wiermer)
Das Ortsschild von Wehingen bei Mettlach (Foto: Patrick Wiermer)

"Viel Musik, Gebete für ganz konkrete Dinge, Glaubensbekenntnisse, direkte Erfahrungen durch den Heiligen Geist; es wird viel geweint, aber auch viel gelacht - und das hat viele Menschen angesprochen, die nach Wehingen gekommen sind." SR-Reporter Patrick Wiermer schilderte im Gespräch mit SR-Moderator Kai Schmieding die Gründe für die Faszination, die die freikirchliche "Gemeinde ohne Mauern" offenbar auf ihre Anhängerinnen und Anhänger ausgeübt hatte - und zum Teil noch immer ausübt.

Strenges Regiment

Besonders "Menschen in schwierigen Lebenslagen", die etwa Trennungen oder Krankheiten erlebt hätten, seien für die Angebote der evangelikalen Glaubensgemeinschaft empfänglich gewesen. Innerhalb der Gemeinde habe das Gründer-Ehepaar, Wayne und Irene Negrini, ein strenges Regelwerk unter ihren Anhängerinnen und Anhängern durchgesetzt, dass weit bis ins Privatleben der Gläubigen hineinregiert habe.

"Eine Parallelwelt, ein Dorf im Dorf"

Als "selbst ernannte elitäre Gruppe" habe die Glaubensgemeinschft wenig Kontakt mit den alteingesessenene Dorfbewohnern gepflegt - "es sei denn, man konnte sie irgendwie für ihre Sache gewinnen". Zwischenzeitlich habe die Gemeinschaft allerdings die Mehrheit im Wehinger Ortsrat und einen Platz im Gemeinderat gewonnen. "Darüber hinaus blieb man aber meistens unter sich", sagte Wiermer, "eine Parallelwelt, ein Dorf im Dorf" sei so entstanden.

"Übergriffe religiös begründet"

Ohne all die Abhängigkeiten und den religiösen Druck, der von der Freikirchengemeinde ausgeübt worden sei, wären Missbrauchsfälle wie der des Jugendpastors der Gemeinde "wohl kaum möglich gewesen", meint Wiermer. "Der Täter selbst hat die Übergriffe vor Gericht religiös begründet", sagte Wiermer. Der Geistliche habe sich als "Vater" gesehen, der die schutzbefohlenen Mädchen habe "reinwaschen" und "auf eine gute Ehe" habe vorbereiten wollen. "Die Mädchen haben das dann über sich ergehen lassen - auch, weil sie vor Gott nicht schlecht dastehen wollten", erklärte Wiermer.

Gemeinde gespalten

Nach Bekanntwerden der Vorfälle hätten viele ehemalige Gemeindemitglieder die Freikirche und den Ort Wehingen "wütend und enttäuscht" verlassen. Manche kämpften heute um das Geld, das sie der Freikirche überlassen hätten, manche hätten sich anderen Glaubensgemeinschaften angeschlossen. Und wiederum andere seien als "fest Verwurzelte" in Wehingen geblieben. "Es gibt offenbar noch einen harten Kern, der sich regelmäßig zum Beten trifft", berichtete Wiermer.

Das Gründer-Paar Wayne und Irene Negrini habe das Saarland inzwischen wohl verlassen, so Wiermer: Vor Kurzem sei bekannt geworden, dass das Ehepaar Nigrini im Dezember 2020 in Südafrika gepredigt haben soll.

Hintergrund

Fast 25 Jahre lang war das Dörfchen Wehingen bei Mettlach Zentrum der internationalen Glaubensgemeinschaft "Gemeinde ohne Mauern". Zwischenzeitlich waren fast die Hälfte der Einwohner Mitglieder. Vor zwei Jahren endete die Geschichte der Gemeinde abrupt, nachdem bekannt wurde, dass ein Seelsorger, der vor allem für die Jugendlichen der Gemeinde zuständig war, sich des sexuellen Missbrauchs in Dutzenden Fällen schuldig gemacht hatte. Er wurde vor ein paar Wochen zu vier Jahren Haft verurteilt.


Der SR 2-ProgrammTipp:

Sonntag, 17. Januar 2021, 12:30 Uhr
SR 3 Saarlandwelle

Heilung, Kontrolle, Missbrauch
Die "Gemeinde ohne Mauern"

Ein Feature von Patrick Wiermer und Martin Honnigfort


Mehr zum Thema im Archiv:

"Gemeinde ohne Mauern" in Mettlach
Pastor einer Sekte unter Missbrauchsverdacht
Die Staatsanwaltschaft Saarbrücken hat gegen einen ehemaligen Jugendpastor der sektenähnlichen "Gemeinde ohne Mauern" in Mettlach-Wehingen Anklage erhoben. Dem 48-Jährigen wird vorgeworfen, zwei Mädchen der inzwischen aufgelösten Glaubensgemeinschaft sexuell missbraucht zu haben.


Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" am 14.01.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt das Haus der "Gemeinde ohne Mauern" in Wehingen (Foto: Patrick Wiermer).

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