"Politiker haben keine Lust, mit der Kirche auf Konfrontation zu gehen"

"Politiker haben keine Lust, mit der Kirche auf Konfrontation zu gehen"

Ein Gespräch mit Matthias Katsch vom "Eckigen Tisch" über seinen Kampf gegen den sexuellen Missbrauch in der Kirche

Frank Hofmann / Onlinefassung: Martin Breher   26.06.2020 | 12:00 Uhr

Zehn Jahre nach dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche soll nun eine neue Phase der Aufarbeitung anbrechen. Im SR-Interview vermutet Matthias Katsch von der Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch", dass Politik und Gesellschaft kein wirkliches Interesse an einer Aufklärung hätten.

Zehn Jahre ist es her, dass der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche öffentlich wurde. Jetzt soll unter Mitarbeit unabhängiger Experten und der Opfer eine neue Phase der Aufarbeitung anbrechen. Das sieht eine Erklärung vor, die die Deutschen Bischofskonferenz und der Missbrauchsbeauftragte unterzeichnet haben.

Keine Klarheit über Täter und Opfer

Im SR-Interview beklagt Matthias Katsch von der Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch", dass es auch zehn Jahre nach Bekanntwerden des Skandals "immer noch keine Klarheit über Täter und Opfer gebe". Die neue Phase sei nun "der Versuch, für diese Klarheit zu sorgen und die Versäumnisse aufzuarbeiten".

"Ich hätte mir natürlich gewünscht, wenn es möglich gewesen wäre wie in anderen Ländern mit unabhängigen Kommissionen, die der Staat autorisiert, auf gesetzlicher Grundlage die Dinge anzugehen. Und ich hätte mir vor allem gewünscht, dass wir schneller vorankommen." (Matthias Katsch)

Trotzdem sei er froh, sagt Katsch, dass es überhaupt gelungen sei, das Thema nochmal anzugehen, denn:

"Mein Eindruck war schon, dass die Gesellschaft eigentlich gar keine Lust hat, so im Detail die Dinge zu untersuchen. So genau wollte man es dann doch nicht wissen." (Matthias Katsch)

Politik hat keine Lust auf Konfrontation mit Kirche

Die Aufarbeitung scheitere auch daran, dass in Deutschland "Politiker keine Lust" hätten, "mit der Kirche auf Konfrontation zu gehen", meint Katsch. Das gelte vor allem für den ganzen Bereich der verjährten Fälle – und das seien sehr viele, weil die Verjährungsfristen teilweise sehr kurz gewesen seien. Hier gebe es keine Aufarbeitung, wenn es nicht durch Betroffene selbst gelinge, eine eigene Form dafür zu schaffen - jenseits des Strafrechts.

Dass es überhaupt zu den vielen Missbrauchs-Fällen kommen konnte, erklärt Katsch so: Die Sexualmoral und der Umgang mit (Beicht-)Geheimnissen in der Kirche trügen "dazu bei, dass sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der katholischen Kirche so gehäuft aufgetreten" sei. Dinge wie der Zölibat oder der Umgang mit Homosexuellen würden deshalb nun "von unten" infrage gestellt. Hier sieht Katsch einen "Aufbruch", der jedoch von den Machtstrukturen in der Kirche immer wieder behindert werde.


Zur Person: Matthias Katsch

Matthias Katsch war in den 1970er Jahren Schüler des Canisius-Kollegs, einem von Jesuiten geleiteten Gymnasium in Berlin. Immer wieder waren er und einige seiner Mitschüler sexuell missbraucht worden - und zwar von den Patres der Schule. Als der Rektor Klaus Mertes Anfang 2010 auf Initiative von Katsch von den Vorfällen erfuhr, machte er den Skandal öffentlich. Seitdem schaffen es immer mehr Opfer von Kirchengewalt, ihr Schweigen zu brechen und sich zu vernetzen. Längst ist Matthias Katsch zu ihrem bundesweiten Vertreter geworden. Nun hat er ein Buch geschrieben: "Damit es aufhört."


Im Kampf gegen sexuellen Missbrauch
Matthias Katsch: "Damit es aufhört"

Buchtipp:

Matthias Katsch
Damit es aufhört.
Vom befreienden Kampf der Opfer sexueller Gewalt in der Kirche

Nicolai Verlag 2020, 168 Seiten. 18,00 Euro
ISBN 978-3-96476-030-2

Ein Thema in der Sendung "Religion und Welt" vom 27.06.2020 auf SR 2 KulturRadio.

Artikel mit anderen teilen

Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja