Was in Jerusalem geschehen ist – Der Tod

Was in Jerusalem geschehen ist – Der Tod

Texte zur Karwoche auf SR 2 KulturRadio

Wolfgang Drießen  

Wolfgang Drießen von der katholischen Kirche schildert am Samstag der Karwoche 2020, wie Jesus von Nazareth am Kreuz sterben musste.

Nie hätte ich gedacht, dass diese Geschichte am Kreuz enden würde.

"Pilatus hat Jesus zum Tod verurteilt. Kaiaphas hat den römischen Statthalter so in die Enge getrieben, dass er nicht mehr anders konnte." Die Nachricht läuft in Windeseile durch die engen Gassen und die mit Pilgern vollgestopften Häuser. Viele kennen ihn, haben ihm zugehört und einige haben ihm sogar zugejubelt. Jetzt schwindet die letzte Hoffnung.

Das Urteil wird schnell vollzogen werden, denn das Paschafest steht vor der Tür. Es gibt aber noch eine Möglichkeit, ihn ein letztes Mal zu sehen. Zur Abschreckung und Einschüchterung des Volkes werden die zum Tode Verurteilten durch die Stadt geführt und müssen den Querbalken des Kreuzes, an das sie genagelt werden sollen, selbst zur Hinrichtungsstätte tragen. Das Kreuz, eine der grausamsten Hinrichtungsarten, die sich Menschen ausgedacht haben, um andere Menschen zu quälen. Bei ihren eigenen Bürgern wenden die Römer andere Hinrichtungsarten an. Bei Sklaven und Nichtrömern diese. Aber auch das nur bei schweren Fällen.

Keiner kann verstehen, warum Jesus, der Wanderprediger und Zimmermann aus Nazareth, diesen furchtbaren Tod sterben soll.

Weiter vorne an der Straße wird es laut. Soldaten schieben die Menschen zur Seite, damit der makabre Zug mit den Delinquenten passieren kann. Wo ist Jesus? Ich kann ihn nirgends sehen.

Dahinten schleppen sie noch einen an. Das muss er sein. Mein Gott, wie sieht der Mann aus. Als wenn das Kreuz nicht schon genug wäre. Nach römischem Brauch haben sie ihn geißeln lassen. Wäre er doch nur daran schon gestorben. Die Peitschen haben sie mit Knochenstücken und Metallteilchen durchsetzt und die Zahl der Hiebe ist unbegrenzt. Nie werde ich verstehen, wie Menschen sich so etwas antun können.

Jetzt ist er schon wieder umgefallen. Aus dem Publikum ziehen sie einen hervor, der den Kreuzbalken tragen muss. Allein schafft er das nicht mehr. Ein Gerichtsdiener trägt das Schild an mir vorbei, auf dem der Grund der Verurteilung niedergeschrieben ist: Jesus von Nazareth - Der König der Juden.

So ein Unsinn. Das war er nie und das hat er nie behauptet.

Draußen vor der Stadt befindet sich ein alter Steinbruch. Golgatha (Schädel) wird er genannt, wegen der eigenartigen Form des Felsens. Hier kreuzigen sie ihn, zusammen mit zwei anderen.

Es ist Abend. Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier sitze. Es ist vorbei. Jesus ist gestorben. Sie haben ihn schon begraben. Josef von Arimathäa, ein Ratsherr, der von seiner Unschuld überzeugt ist und für ihn gestimmt hat, hat die Erlaubnis dazu bekommen.

Er hat nicht lange leiden müssen, haben sie erzählt. Nur ungefähr sechs Stunden, dann sei er gestorben, mit dem 22. Psalm auf den Lippen: "Von Geburt an bin ich geworfen auf dich. Vom Mutterleib an bist du mein Gott." (Ps 22,10)

Es tröstet ein wenig, das zu wissen: Sein Leben endete nicht in Verzweiflung, sondern trotz der unendlichen Not in abgrundtiefem Gottvertrauen. Mein Gott bist du, trotz alledem.

Von Glück kann man sagen, dass morgen Sabbat ist, sonst hätte man ihn vielleicht noch länger am Kreuz hängen lassen, um ihn über den Tod hinaus zu entehren. So ist er wenigstens schon einmal beigesetzt.

Der Stein ist vor das Grab gerollt. Wenigstens das hat seine Ordnung. Ich habe gehört, dass einige Frauen morgen Salben und Öle kaufen wollen, um den Leichnam würdig zu balsamieren. Vielleicht gehe ich einfach mit ihnen, um das Grab zu sehen. Aber das ist ja eine ganz neue Geschichte.

(Wolfgang Drießen)

Zeugnis des Leidens
Was in Jerusalem geschehen ist
SR 2 KulturRadio sendet in der Karwoche - mit Ausnahme des Karfreitags - täglich gegen 10.55 Uhr Gedanken zur Passion Christi, die "Zeugnisse des Leidens". Die Texte stammen von Wolfgang Drießen von der katholischen Kirche.

Ein Thema in der Sendung "Der Vormittag" am 11.04.2020 auf SR 2 KulturRadio. Bei dem Kunstwerk ganz oben handelt es sich um einen Holzschnitt von Lucas Cranach dem Älteren: "The Crucifixion/Die Kreuzigung", 1502 (Bildquelle: imago images / Artokoloro).

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