Was in Jerusalem geschehen ist – Pilatus

Was in Jerusalem geschehen ist – Pilatus

Texte zur Karwoche auf SR 2 KulturRadio

Wolfgang Drießen  

Wolfgang Drießen von der katholischen Kirche schildert am dritten Tag der Karwoche 2020 das Auftreten und die Gedankengänge des Pontius Pilatus als römischer Statthalter in Jerusalem.

Nie hätte ich gedacht, dass diese Geschichte am Kreuz enden würde.

"Der Hohe Rat hat Jesus von Nazareth wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt." Die Nachricht verbreitet sich schnell in den frühen Morgenstunden des neuen Tages. Aber noch besteht Hoffnung.

Israel ist von den Römern besetzt. Für die Justiz heißt das: Den Juden ist die Blutgerichtsbarkeit entzogen. Sie dürfen kein Todesurteil vollstrecken. Die einzige Ausnahme bildet unbefugtes Betreten des Tempels. Deshalb wird Jesus nicht sofort gesteinigt, sondern das Gericht fasst einen förmlichen Beschluss. Sie lassen Jesus abführen und liefern ihn an Pilatus aus, den römischen Statthalter.

Einen Termin zu bekommen ist leicht. Der römische Statthalter, der sonst in Cäsaräa am Meer residiert, hält sich wegen des Paschafestes in Jerusalem auf, und er beginnt seine üblichen Gerichtssitzungen bereits früh bei Sonnenaufgang.

Kaiaphas, der Ankläger und der Hohe Rat haben ihre Strategie gut durchdacht. Gotteslästerung und der Vorwurf der Volksverführung waren innerhalb des jüdischen Rechtssystems ein Kapitalverbrechen. Für die Anklage gegen einen Juden vor einem römischen Gericht hingegen mussten Gotteslästerung wie Volksverführung als jüdische Religionsvergehen gelten. Kein römischer Richter konnte einen Juden wegen Übertretung rein innerjüdischer Religionsgesetzte zum Tode verurteilen. Der Hohe Rat sieht in diesem Punkt sehr klar. Er bringt deshalb den "Fall Jesus" vor den Römern unter einem anderen Aspekt zur Anklage. Er macht aus dem Verführer des Volkes einen politischen Aufwiegler. Eine höchst fragwürdige Strategie. Pilatus machte es ihnen auch nicht leicht.

"Welche Anklage erhebt ihr gegen diesen Menschen?" – Kaiaphas spürt sofort den gehässigen Unterton und erwidert scharf:

"Wenn er kein Übeltäter wäre, hätten wir ihn dir nicht überliefert." Genau diese Antwort will Pilatus hören. Mit souveräner Verachtung erklärt er: "Nehmt ihr ihn und richtet ihn nach eurem Gesetz." In aller Öffentlichkeit muss der Hohepriester nun erklären: "Hoher Herr, es ist uns nicht gestattet jemand hinzurichten." Mit dieser Feststellung ist der Stolz des Römers befriedigt. Die Ratsherren dürfen nun ihre Anklage vorbringen. Natürlich sind alle Beschuldigungen politisch gefärbt. "Diesen haben wir dabei getroffen, wie er unser Volk aufwiegelt und verbietet, dem Kaiser Steuern zu zahlen. Auch behauptet er, er selbst wäre der MessiasKönig." (Lk 23,2)

Damit ist das Stichwort gefallen, das den Vertreter des Kaisers interessieren muss. Daraufhin vernimmt Pilatus den Angeklagten persönlich. Ein Dolmetscher übersetzt dem griechisch sprechenden Römer die Personalien des Angeklagten, seinen Namen, seine Herkunft, sein Alter, seinen Beruf – Jesus, Zimmermann, seit etwa zwei, drei Jahren Wanderprediger. Seine Anhänger nennen ihn heimlich den Messias, den erwarteten König der Juden. Und um diesen Punkt geht es auch im Verhör. Pilatus fragt: "Bist du der König der Juden?" Jesus antwortet: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, dann würden wohl meine Knechte gekämpft haben." Da sagt Pilatus: "Du bist also doch ein König!"

Und Jesus antwortet: "Du hast recht. Ich bin ein König. Dazu bin ich geboren, und dazu bin ich in die Welt gekommen, dass ich der Wahrheit Zeugnis gebe."

All zu viel kann Pilatus mit diesen Antworten nicht anfangen. Ein jüdischer Zimmermann, der von einem Königtum der Wahrheit redet, scheint wohl ein harmloser Untertan seines Herrn zu sein. Kurz und bündig fasst Pilatus das Ergebnis seines Verhörs zusammen: "Ich finde keine Schuld an ihm." Der Beamte ist entschlossen, den Zimmermann aus Nazareth wieder laufen zu lassen, aber er sucht sein Ziel auf Umwegen zu erreichen, denn die Anklage auf politischen Aufruhr war dafür viel zu schwerwiegend.

Er will zunächst einmal die Basis für einen Freispruch Jesu schaffen. Er nimmt dafür die Hilfe von Herodes Antipas, dem Landesherrn Jesu, in Anspruch. Auch der hielt sich offenbar wegen des Paschafestes in Jerusalem auf. Pilatus lässt Jesus zu Herodes bringen und da beginnt der nächste Teil des Dramas.

(Wolfgang Drießen)

Zeugnis des Leidens
Was in Jerusalem geschehen ist
SR 2 KulturRadio sendet in der Karwoche - mit Ausnahme des Karfreitags - täglich gegen 10.55 Uhr Gedanken zur Passion Christi, die "Zeugnisse des Leidens". Die Texte stammen von Wolfgang Drießen von der katholischen Kirche.


Ein Thema in der Sendung "Der Vormittag" am 08.04.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Kunstwerk ganz oben "Christ before Pilate", stammt von Hieronymus Wierix 1563 - before 1586 (Bildquelle: imago images / Artokoloro).

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