Was in Jerusalem geschehen ist – Der Hohe Rat

Was in Jerusalem geschehen ist – Der Hohe Rat

Texte zur Karwoche auf SR 2 KulturRadio

Wolfgang Drießen  

Wolfgang Drießen von der katholischen Kirche schildert am zweiten Tag der Karwoche 2020 die Vorführung von Jesus von Nazareth vor dem Hohen Rat von Jerusalem.

Nie hätte ich gedacht, dass diese Geschichte am Kreuz enden würde.

Aber schon die ungewöhnliche Zeit für eine Gerichtsverhandlung – mitten in der Nacht - hätte mich stutzig machen müssen.

Der gesamte Hohe Rat Israels - 71 hochangesehene Herren aus Priesterschaft, Adel und Gelehrtenstand - trifft sich mitten in der Nacht, um einen Zimmermann aus Nazareth abzuurteilen.

"Missachten des Gesetzes und Vorgehen gegen den Tempel" werden ihm vorgeworfen. Wahrscheinlich wird ihm das als Gotteslästerung ausgelegt. Hier ist nämlich alles gegen ihn eingestellt. Ein Todesurteil würde mich nicht wundern. Gerade hat man die Zeugen belehrt und wieder hinausgeschickt. Nur einer ist dageblieben, um seine Aussage zu machen. Den Angeklagten habe ich noch nicht gesehen.

Er wartet in einem Nebenraum. "Sage, wieso weißt du, dass dieser schuldig ist?" - wird der Zeuge gefragt. "Wir haben ihn sagen hören: 'Ich werde diesen mit Händen gemachten Tempel zerstören und einen anderen, der nicht mit Händen gemacht ist, in drei Tagen aufrichten'." Der Zeuge tritt ab und der nächste tritt auf.

Aber seine Aussage stimmt nicht mit den anderen überein. Es scheint schwierig zu werden. Auch die anderen Zeugenaussagen decken sich nicht mit den vorausgegangenen. Nach unserer jüdischen Prozessordnung gehört zu einem rechtskräftigen Zeugnis die übereinstimmende Aussage von mindestens zwei Zeugen. Schon im Buch Numeri steht ja: "Ein Zeuge kann nicht gegen eine Person aussagen, dass sie sterbe." Vorhin noch schien es mir, dass ein Todesurteilgegen den Volksverführer gefällt werden sollte. Aber nun wird die Begründung sehr unklar. Der Prozess hat einen toten Punkt erreicht.

Ich bin gespannt, was Kaiaphas, der Gerichtspräsident,nun unternehmen wird. Allein sein Name - Joseph Kaiaphas - der Untersucher - bürgt für seine Qualität und seinen Ruf. Er lässt den Angeklagten hereinführen und übernimmt persönlich die Vernehmung.

Da steht der Angeklagte, und der Hohepriester sitzt auf seinem erhöhten Platz. Plötzlich erhebt er sich, und wie auf ein Kommando stehen auch die übrigen Ratsherren auf. So verlangt es das Zeremoniell. Ein Paragraph der Prozessordnung gegen einen Pseudo-Propheten erlaubt es dem Untersuchungsrichter, den Angeklagten einzuschüchtern. So nähert sich Kaiaphas dem Angeklagten, tritt dicht an ihn heran und brüllt: "Antwortest du nicht auf das, was diese gegen dich bezeugen?" (Mk14,60)

Der Angeklagte lässt sich aber nicht einschüchtern, sondern schweigt. Wahrscheinlich weiß er genauso gut wie der Vorsitzende,dass die Zeugenaussagen wertlos sind. Der Prozess scheint weiter festgefahren zu sein, doch Kaiaphas wäre nicht Kaiaphas, hätte er nicht noch ein Eisen im Feuer. Er stellt seine letzte Frage: "Bist du der Messias, der Sohn des Hochgelobten?"

Da haben wir es, wie raffiniert! Antwortet der Angeklagte mit ja, dann hat er - der Hohepriester - gewonnen. Antwortet er mit nein, dann ist er frei, aber er hat sich selbst aufgegeben. Was wird dieser Zimmermann aus Nazareth machen? Wird er antworten? - Ja! Alle hören seine Stimme:

"Ich bin es, und ihr werdet den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und mit den Wolken des Himmels kommen sehen."

Das ist es. Für alle, die hier sitzen, hat er mit diesem Bekenntnis eine Gotteslästerung ausgesprochen.

Kaiaphas hat sein Ziel erreicht.

"Wozu brauchen wir Zeugen? Ihr habt die Lästerung gehört! Was denkt ihr?" Damit fordert er die Ratsherren zur Urteilsabgabe auf. Der Paragraph des jüdischen Strafgesetzes lautet: "Wer sich göttliche Ehren anmaßt, ist ein Gotteslästerer. Er muss mit dem Tode bestraft werden."

Und so schließt auch die nächtliche Gerichtsverhandlung. Die Ratsherren erheben sich. Die Gerichtsdiener nehmen dem Angeklagten die Fesseln ab. Im Bewusstsein der Pflicht das Gesetz Israels zu schützen, vollzieht der Gerichtspräsident die Verkündigung des Urteils. Der Hohe Rat verurteilt den Zimmermann Jesus von Nazareth wegen Gotteslästerung zum Tode.

(Wolfgang Drießen)

Zeugnis des Leidens
Was in Jerusalem geschehen ist
SR 2 KulturRadio sendet in der Karwoche - mit Ausnahme des Karfreitags - täglich gegen 10.55 Uhr Gedanken zur Passion Christi, die "Zeugnisse des Leidens". Die Texte stammen von Wolfgang Drießen von der katholischen Kirche.

Ein Thema in der Sendung "Der Vormittag" am 07.04.2020 auf SR 2 KulturRadio. Bei dem Kunstwerk ganz oben handelt es sich um "Christ before Caiaphas", print maker: Adriaen Collaert, Maerten de Vos, 1598 - 1618 / (Bildquelle: imago images / Artokoloro).

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